Freitag, 22. Juli 2011

Für die Leserschaft gegen den Strom



Indro Montanelli (1909 - 2001)


Zum Tod eines aussergewöhnlichen italienischen Journalisten


Am Sonntag verstarb in Mailand 92-jährig Indro Montanelli, der grosse alte Mann des italienischen Journalismus. Montanelli war ein scharfsichtiger und unbestechlicher politischer Kommentator, ein Meister des glasklaren Stils und ein zuverlässiger Augenzeuge des 20. Jahrhunderts.


Von Giorgio Vittorio Girardet

Als Sohn eines Gymnasiallehrers 1909 im toskanischen Fucecchio geboren, begann Indro Montanelli im selben Jahr die Primarschule, in dem Italien mit wehenden Fahnen in den Ersten Weltkrieg eintrat. Jenes Italien, eine konstitutionelle Monarchie, bildete die emotionale Grundierung seiner liberal-demokratischen Haltung. Die Machtergreifung Mussolinis fand im Pubertierenden einen begeisterten Anhänger. Nach dem Studium des Rechts und der politischen Wissenschaften in Florenz meldete er sich als Freiwilliger für den Abessinienkrieg. Sein Kriegsbuch begründete sogleich seinen Ruf als stilgewandten, unvoreingenommenen Beobachter und öffnete ihm die Türen der Redaktionen. Doch seine Begeisterung für den Faschismus war in den Sandwüsten Abessiniens jenem tiefen Skepizismus gewichen, der ihn zum begnadeten Reporter machte. Ab 1937 arbeitete er vorerst vom Regime unbehelligt für den „Corriere della Sera“. Als er gegen Kriegsende aus Tallinn zurückkehrte, wohin man als Leiter eines Instituts für italienische Kultur „strafversetzt“ hatte, entging er nur knapp der Vollstreckung des von den Faschisten ausgesprochenen Todesurteils.

Als Reporter in der Welt

1945 recherchierte Montanelli über Gräueltaten der Partisanen in der Emilia. Allzu genau: sein Chefredaktor zog es vor, ihn als Korrespondenten an das Kriegsverbrechertribunal nach Nürnberg zu entsenden. Abessinien, der Spanienkrieg, der Finnlandfeldzug, Nürnberg, Tito, der Einfall der Sowjets in Ungarn: überall war er dabei, seine tragbare Olivetti „Lettera 22“ auf den Knien. Er wurde zu dem, was ihm Staatspräsident Ciampi in seinem Nachruf attestiert hat: zum grössten Chronisten und Zeitzeugen italienischer Zunge des 20. Jahrhunderts, der wie kein anderer den Italienern die Welt und ihre eigene Geschichte mit seinem nüchtern toskanischen Blick erschlossen hat.

Nur der Leserschaft verpflichtet

Im Italien von Don Camillo und Peppone erwarb er sich den Ruf eines verbiesterten Kommunistenfressers: Er galt nun bis weit ins rechte Lager als Faschist und wurde geschnitten. Die Bewegung der Achtunsechziger un der softe „Eurokommunismus“, von Intellektuellen bis weit ins liberale Lager salonfähig gemacht, fanden seine Gnade nicht. 1974 erschien ihm selbst der bürgerliche „Corriere della Sera“ nicht mehr tragbar. Er zog mit einer Anzahl Journalisten aus und wurde – im Pensionsalter angelangt – Chefredaktor seines eigenen Blatts: „Il Giornale Nuovo“. Sein Credo:

„Wir sind überzeugt, dass eine Gruppe auf Grund ihrer Fähigkeiten zusammengestellter Männer, die fest entschlossen sind, einzig dem Interesse des Lesers zu dienen, von diesem so viel erhalten werden, als zu Unterstützung ihrer Unternehmung notwendig ist, ohne sich in den Schatten – oder unter die Rockschösse – eines Beschützers begeben zu müssen.“


Die Treue der Lesergemeinde sicherte der von Insertionsboykotten gebeutelten Neugründung das Überleben. Montanelli war zur Institution geworden: Jeden Tag feuerte er scharfzüngig seine Breitseiten gegen die Anbiederung nach links. So erstaunte es niemanden, dass am 2. Juni 1977 zwei Rotbrigadisten ihm auf dem Weg in die Redaktion in die Beine schossen. In der Zeitung vom 3. Juni entschuldigte er sich im Editorial vom Spitalbett aus bei den Lesern für das Ausbleiben seiner Rubrik „contro corrente“ (gegen den Strom). Jahre später versöhnte er sich mit den beiden Attentätern.

Klaren Wein für Freund Berlusconi

Als Silvio Berlusconi 1994 beschloss, „in das Feld der Politik hinabzusteigen“, glaubte der Medientycon im Chefredaktor seines „Giornale“ einen renommierten Propagandisten und gleichgesinnten „Kommunistenfresser“ gefunden zu haben. Doch der 85-Jährige legte seinem Patron in aller Freundschaft und als wahrer Liberaler in einem offenen Brief dar, weshalb er, Montanelli, das Journalistenhandwerk unter einem politisierenden Verleger nicht weiter treiben könne und gründete erneut eine eigene Zeitung. Mit einem klaren Blick für Fragen des politischen Stils und die Möglichkeiten Italiens in Europa unterstützte er in den letzten Wahlen das Mitte-links Bündnis unter der Führung von Francesco Rutelli als weniger schlechte Lösung.

Zurück zu den Wurzeln
„La Voce“ überlebte knapp die erste Regierung Berlusconi. Der „Corriere della Sera“, für den er immer wieder als Leitartikler in Erscheinung getreten war, gab dem Doyen des italienischen Journalismus wieder eine pulizistische Heimat und Montanelli trat erneut – als wäre er nie weg gewesen – räsonnierend in jene „stanza“, eine Stammrubrik, ein, wo ihn nun die Enkel und Urenkel seiner ersten Lesergeneration mit Fragen löcherten. Mittlerweile hatte er die ganze italienische Geschichte in seinem belesenen und träfen toskanischen Plauderton mit wechselnden Kollegen vom antiken Rom bis zur jüngsten Gegenwart erzählt und konnte aus dem Vollen schöpfen. Als er im vorletzten Sommer krank war, schockierte er das katholische Italien mit seinen Gedanken zum Freitod. Nun ist er nach kurzer Krankheit abgetreten. Und ganz Berufsmann und bis zuletzt luzid, schrieb er seinen Nachruf für den „Corriere“ letzten Mittwoch selbst.

Mittwoch, 18. Juli, 1.40 Uhr am Morgen.
An das Ende eines langen und bewegten Lebens gekommen, nimmt Indro Montanelli, Journalist, Fucecchio 1909 - Mailand 2001, Abschied von seinen Lesern, bei denen er sich für die Zuneigung bedankt und für die Treue, mit der sie ihn begleitet haben
.

Sollte Italien nach Berlusconis multimedialer Show wieder zur Besinnung kommen, so wird man an Montanelli für den Neuaufbau Mass nehmen können.

Erschien zuerst im „
Landbote“ von Winterthur, Mittwoch 25. Juli 2001

Weiter Posts zu Montanelli:
Montanelli, zehn Jahre danach einem 18jährigen Italiener erklärt
Auszüge aus der Biografie von Tiziana Abate

Indro Montanelli: zehn Jahre danach, einem achtzehnjährigen Italiener erklärt

Indro Montanelli (1909 - 2001)

Er war bereit vieles der Klarheit und Einfachheit zu opfern. Er war überzeugt, wenn ein Zeitungsartikel zwei Ideen enthielt, dann war ein zuviel.

von Beppe Severgnini

Er war ein Sonderfall. Zu grossgewachsen, zu mager, zu tüchtig, zu schwermütig, zu gutmütig, zu stolz es zu zeigen. Wie soll ich dir einen solches Menschen schildern, der du achtzehnjahre zählst und in der Zeit von „mani pulite“ geboren wurdest? Ich könnte damit beginnen dass seine Hände tatsächlich sauber waren. In Anbetracht dessen, womit ein Journalist täglich umgeht, heute wie damals, füge ich hinzu: er kannte sich selbst gut und auch die Italiener. Zum Glück irrte sich er ab und an.

Italien, so sagte er, hat viel Bedauernswertes und einige Schuldgefühle, aber wenig Stolz und schon gar kein Gedächtnis. Darum war Montanelli überzeugt, er würde sehr schnell in Vergessenheit geraten. Ich war vom Gegenteil überzeugt, und forderte den cholerischen Misanthropen in ihm heraus. Ich habe ihm sogar eine Wette vorgeschlagen, im Wissen dass ich den Gewinn nie werde einstreichen können. Denn ich habe sie gewonnen. An Montanelli erinnern wir uns – und wie! – in grosser Zahl, nicht zuletzt des Mannes wegen, der ihn in den letzten Jahren beschäftigte und verbitterte, und bis heute viele von uns umtreibt und verbittert: Berlusconi.

Indro kannte Silvio ganz genau, da er ihn hochkommen sah: er war im Bilde über die Gewohnheiten und Laster, seine Tugenden und seinen Machtwillen. Er fürchtete seinen Charme, die Umarmungen und die Versprechungen. Er wusste wie die italienische Rechte einen Minderwertigkeitskomplex auslöschen wollte; und bereit war jedem zu folgen, der sie zum Sieg geführt hätte, und ihm alles zu verzeihen: Dürftigkeit, mangelende Integrität, Privatinteressen.

Die These der Montanellianer, die zu Berlusconi übergelaufen waren – die „montalusconiani“, reichlich für ihre elastische Treue belohnt – war, dass der Meister dem Schüler den durchschlagenden Aufstieg neidete und Verschiebungen auf der nationalen Bühne nicht tolerierte. Gewiss, vielleicht lag auch ein Gran Wahrheit in dieser Bemerkung. Aber in den groben Zügen war die Sache genau so, wie Indro sie erzählt hat. Montanelli war – viel früher als der „Economist“ – der Ansicht, Berlusconi sei „unfit to rule“, untauglich für die Regierungsgeschäfte. Und er hatte eine glasklare Überzeugung: ein Journalist kann nie für einen politischen „leader“ arbeiten. Macht er es, so verkommt er zu seinem Sprecher, zu seinem Kofferträger oder seinem Aschenbecher (wieviele triste professionelle Kippen schleppen sich durch Italien!).

Mit dem Wissen danach könnte ich dir sagen, dass Montanelli, in der Sache, zwei zutreffende Vorhersagen abgab, aber in einem dritten Punkt falsch lag. Indro hatte verstanden, dass die Verführungskunst Berlusconis verbunden mit seiner totalen Absenz von Prinzipien, aus ihm einen optimalen Populisten gemacht hätte, aber einen himmeltraurigen Reformer. Er hatte geahnt – wusste er es? – dass die leichten Sitten des Geschäftsmannes, den Prüfungen denen Staatsmänner unterworfen werden, nicht standhalten würden. Aber er hatte auch vorausgesagt, dass die Italiener, nachdem sie ihn einmal „ausprobiert“ hätten, gegen einen Rückfall geimpft wären. Hier irrte er. Die Krankheit von 1994 wurde wieder 2001 akut und 2008 ein drittes Mal. Nun, sind wir – vielleicht – auf dem Weg der Genesung. Aber der Körper ist geschwächt, und die Rekonvaleszenz wird lange dauern.

Hast du verstanden? Gut: das heisst, ich habe bei Montanelli etwas gelernt. Du musst wissen, Indro ärgerte sich über die Dinge, die er nicht verstand: und er verabscheute Leute die sich nicht verständlich machen wollten. Ganze Berufsgattungen, von den Historikern bis zu den Literaturkritikern haben im misstraut. Einige verwechselten seine Einfachheit mit Einfalt (ohne sich darüber klar zu werden, dass ihre Komplexität, nichts als Konfusion war). Andere dachten: da muss etwas dahinter stecken! Aber hinter Indros Schreibe und Logik verbarg sich nichts als der Refrain eines Liedes, das im Schwange war, als ich dein Alter hatte: himmelblaues Wasser, klares Wasser. Lies Montanelli, du siehst den Dingen auf den Grund und verstehst, was sich dort unten bewegt.

Der Klarheit und der Einfachheit opferte Indro bereitwillig viele Dinge: Nebensätze, Argumente, Details. Er war überzeugt, wenn ein Zeitungsartikel zwei Ideen enthielt, na, dann war eben eine zuviel. Und er gab sich auch kreative Freiheiten, wenn er die Weltläufte erzählte. Als 1991 mein erstes Buch in England erschien, enthielt es ein Zitat von Winston Churchill. Ich hatte es von Montanelli gehört: „Die grossen Völker haben nicht das Recht, sondern die Pflicht undankbar zu sein“. Der brititsche Verlag, Hodder&Stoughton, hatte einen Beleg des Ausspruchs in jedem Geschichtsbuch, Monographie, Biographie gesucht: und er wurde nicht fündig. Als er sich an mich wandte, um die Quelle zu erfahren, antwortete ich: „Indro Montanelli“. Und der Verleger: „Nun, tja, wenn’s Montanelli sagt …“. Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir der Verdacht, Winston Churchil verfüge jetzt über ein Zitat mehr. Möge es ihm nicht missfallen.

Für die Italiener – und er kannte uns gut, ebenso in unseren unverhofften Glanzmomenten, wie im alltäglichen Mittelmass – nährte Indro eine jähzornige Leidenschaft. Er misstraute ihnen, und liebte sie. Er nährte spielerische, begeisternde Antipathien: in der Regel wurden sie nur hochrangigen Personen zuteil, andere liquidierte er mit einem geistesabwesenden Lächeln. Er sah sich aber als weltläufigen Gentleman, und hielt dafür, sich nicht ewig zu zanken. Er vermied darum die plumpen Angriffe, die heute gang und gäbe sind. Er beschränkte sich auf fulminante Urteile im Privaten, wo er seine liebste Technik anwandte, die seine „Incontri“ (Begegnungen) und Nachrufe so berühmt machte: wenn du einen Menschen loben willst, kritisiere ihn; wenn du ihn kritisieren willst, decke ihn mit Lob zu. Ein Beispiel? Oriana Fallaci, mit der er einen grimmigen Waffenstillstand geschlossen hatte. Zu tüchtig und zu sehr Toskaner waren alle beide um gleicher Meinung zu sein.

Montanelli – Du wirst es kaum glauben, da du in den 2000ern, im Jahrzehnt der Taugenichtse, gross geworden bist – war ein diskreter Mann. Er wählte mit Bedacht die Teile des Lebens aus, die er privat hielt und jene, die er öffentlich machte und gar etwas ausschmückte, und von letzteren erwartete er die geschuldete Anerkennung. Er war ein pragmatischer Narziss: die öffentliche Anerkennung – sie hat ihm nie gefehlt – war Labsal für ihn, und nährte ihn mehr als die Lebensmittel, die er mit leidenschaftlichen Minimalismus und Misstrauen in Angriff nahm. Sein Stammplatz bei „Elio“ in via Fatebenefratelli war ein Seehafen, wo wenig Teller aufkreuzten, aber viele jüngere Kollegen, alte Bekanntschaften, Ehrenmänner, schöne Frauen, Piraten der Politik und sympathische Filibuster (für die er eine Schwäche hatte, wenn sie nur süffige Anekdoten lieferten und nicht unwahrscheinliche Korrektheit heuchelten).

Ebenso gastfreundlich – und noch spektakulärer – war sein Direktionsbüro in via Gaetano Negri: wieder ein Hafen, mit einem einzigen Kommandanten. Montanelli war Conrad, am Bord seiner „Lettera 22“: er wusste zu erzählen, und liebte es, Erzählungen zu lauschen. Mit Ausnahme einiger Rituale – so das nachmittägliche Nickerchen im Ohrsessel, bewacht von Isis, dem schmiegsamen Cerberus – durften alle zu ihm eintreten, mit ihm sprechen. Dauerschwätzer und Übelzeitige waren selten, die Paranoiker nur ein paar; und keiner von ihnen war ein Jüngling. Respekt und Ehrfurcht lehrten uns den richtigen Moment, und wenn wir zu ihm traten, waren wir immer willkommen, vor allem dann, wenn wir ihm den in Aktenkladden eingeschlossenen Duft der weiten Welt brachten (mehr brauchte er nicht).

Eher als eine Chefetage war das zweite Geschoss des Giornale von Montanelli ein englischer Club, in dem wenige aber klare Regeln herrschten, die Atmosphäre brillant und Exzentrizimus nicht toleriert: vielmehr obligatorisch. Für einen Jungen wie dich - der an Fernsehmoderatoren gewöhnt ist, die Dobermänner ihres abwesenden Herrchens – wird es schwierig sein, sich eine Zeitungsredaktion der Achtziger vorzustellen. Mochte draussen der Sturm wüten: aber die Matrosen im Hafen, waren glücklich beinander zu sein und zu wissen, wie die Segel zu stellen waren. Ich erinnere an die Glossen von Mario Cervi, di transatlantischen Befürchtungen von Pasolini Zanelli, die eleganten Sarkasmen von Scarpino, das gescheitelte Schweigen von Biazzi Vergani und das Gekreisch von Giorgio Soavi – ich habe nie verstanden, ob Indro und er im Ernst zankten. Als Angelo Rizzoli ins Gefägnis musste, anerbot sich Montanelli seinen Raben aufzunehmen. Der gefiederte Schwarze sprach in seinem Käfig deutlicher als ein Papagei und übler als ein Hafenarbeiter. Das Schauspiel vom gestrengen Giovanni Spadolini, der den wütigen Auslassungen des Raben kontra bot, und Montanelli, der den Raben verteidigte, ist eine meiner schönsten Erinnerungen.

Etwas anderes war das kurze Abenteuer der „La Voce“, die im perfekten Sturm versenkt wurde. Und wie es die Erfahrung und die Romane schildern, es war der Kapitän der am meisten litt: wir hatten die Sorglosigkeit der jungen Mannschaft, die weitere Anheuerungen vor sich sieht. Zum Glück kam dann der „Corriere“: er schenkte ihm noch einmal sechs jahre begeisternder Arbeit, wieder im Kontankt mit seinen Lesern: die einzigen Herren, in der Vergangenheit auch erbarmungslose. „La Stanza di Montanelli“ wurde etwas mehr als eine schöne journalistische Metapher. Es war der reale Ort, den Indro, ab und an aufsuchte, um die Alltagluft seines Blattes zu schnuppern: das letzte Bollwerk gegen ein abdriftendes Italien, das ihm immer weniger gefallen wollte. Eines Tages, als ich ihn aufforderte, öfter zu kommen, die Kollegen jeden Alters würde es freuen ihn zu sehen – und es war die Wahrheit – antwortete er mir: „Ich weiss, sie mögen mich beim Corriere. Aber nun bin ich ein Urahn und Urahne die werden eingerahmt, und kommen nicht um die Arbeit zu verzögern.“

So: ich habe versucht dir einen mann zu schildern, den ich gut gekannt habe, und dem ich viel verdanke. Es ist das zweite Mal, das ich es tue, und wieder für die Zeitung in der Indro begonnen hat, in der er brillierte und wo er sein Leben beschloss. Das erste Mal vor zehn Jahren schrieb ich auf einem Tisch vor dem Meer in Gallura, heute unter einer traumhaften lombardischen Magnolie. Montanelli war hier, er hat sie gesehen, sie hat ihm gefallen. An jenem Abend – es war der Frühsommer 1997 – haben wir unter dem Torbogen Abendbrot gegessen, und die Schwalben schossen über uns durch den Himmel uns gänzlich ignorierend, auf ihre Nester zwischen den Balken zu. Indro beobachtete sie hypnotisiert. Er sah sie frei, elegant, pfeilschnell, sicher, mit ihren kräftigen Flügeln und ihren präzisen Bahnen. Es schien als würde er sie beneiden. Ich denke er hätte sie gern als Vorbild in den Journalistenschulen gesehen, so denke ich mir es.


Publiziert am 18. Juli 2011 im "Corriere della Sera" übersetzt von G.G.

Montag, 18. Juli 2011

Tiziana Abate: Montanelli nur ein Journalist (Auszüge)







Seit ich denken kann, habe ich gedacht, ich würde Journalist werden. Es war keine Wahl. Ich habe nichts entschieden. Der Journalismus hat sich für mich entschieden. Und das war einer der vielen Glücksfälle meines Lebens, denn es steht fest, dass alles, was ich gemacht habe, einem treuen Verbündeten schulde, der nie von meiner Seite wich: dem Zufall. Emilio Cecchi hingegen gab mir die Weisheit mit, die sich als die kostbarste meines Berufslebens erwies: „Vergiss nie: Journalisten sind wie Bordschwalben: solange sie das Pflaster schlagen, laufen sie vorzüglich und können in der Welt auch was werden. Das Schlamassel fängt an dem Tag an, an dem sie sich in den Kopf setzen, sich in der guten Stube breitzumachen …“

(...)

Das machte damals die ganze Jugend, die auch nur einen Funken Leben im Leibe hatte. Für die Twens von damals, stellte Abessinien der „Wilde Westen“ und „1968“ in einem dar. Das Hirn von den ipropagandistischen Lektüren über Dogali, Adua, Toselli und Galliano vernebelt, hofften wir dort unten ene „Neue Welt“ zu erschaffen und deren „Pilgerväter“ zu werden, ohne zu begreifen, dass Mussolinis Kolonialismus, der gerade im Moment debütierte, in dem die anderen Mächte von der Notwendigkeit Kenntnis nahmen, ihre Imperien zu liquidieren, schon gänzlich anachronistisch war, weil er mit dem wachsenden Bewusstsein um das Selbstbestimmungsrecht der Völker kollidierte. Und in meinem Fall war da auch noch der Wunsch ein Buch zu schreiben, um literarischen Ruhm zu erlangen.

(...)

Dies war der einzige Lichtblick jener letzten Wochen in Abessinien. Allmählich hatte der Ekel den Traum einer „Neuen Welt“ verscheucht. Es war kein anderes Italien, das da in Afrika am entstehen war, sondern das übliche Italien mit seinen Emporkömmlingen, seinen Klientelen und seinen Schlampereien. Damals gab ich dem Faschismus die Schuld, ohne zu begreifen, dass dieser nicht der Grund des italienischen Elends war, sondern dessen Konsequenz.
(...)

Ein gewisses Bürgertum sah in mir den Vertreter der italienischen Rechte. Es war eine verbohrte Rechte, die in mir ihren Sprecher sah, einzig und allein, weil ich mich der Linken in den Weg stellte. Was sie nie begriffen: dass ich mit der Rechten nie eine Ideologie verbunden hatte, und noch viel weniger eine bestimmte Partei, sondern eine Kultur.

Benedetto Croce definierte den Liberalismus als ein Gefäss, in dem jegliche Idee ihren Platz finden kann, wenn sie nur sie dessen Benimm-Regeln akzeptiert und ihnen nachlebt. Mehr als eine Ideologie war die Rechte stets eine moralische Haltung, ein Knigge für den Umgang: Interesselosigkeit, Korrektheit, Diskretion, Abscheu vor dem Spektakel und der Demagogie. Und welches Beispiel solcher Qualitäten hat die aktuelle Rechte gegeben? Ich kann in ihr - und immer gibt es natürlich Ausnahmen - einzig Dilettanten erkennen, die wenn sie nicht alle aus purem Eigennutz Politik treiben, so sind sie doch gänzlich unfähig sie von dem Öffentlichen Interesse zu trennen, wie es das Einmaleins der Rechte eigentlich verlangen würde.
(...)

Und doch, zwischen all dem Glück und all den Erfolgen, die mir zuteil wurden, hat mir das Schicksal das Los zugeteilt, jene zwei Dinge mit ins Grab zu nehmen, die ich am meisten geliebt habe: meinen Beruf und das Land Italien.

Was aus ersterem geworden ist, zernichtet durch Computer und Fernsehen, ist allen offensichtlich, die es wahrnehmen wollen.

Was Italien betrifft, so ist der Krebs mittlerweile nicht mehr aufzuhalten und die Verwesung setzt nun ein, durch die Auflösung jenes kümmerlichen Restes, der noch vom Staate blieb. Und ich nenne es Verwesung, nicht Zerfall oder Sezession. Denn für die Sezession bräuchte es den Willen zur Gewalt, und wo fände sich in ganz Italien auch nur eine Kompanie Soldaten, die bereit wären für oder gegen die Einheit der Republik die Waffen zu ergreifen? Dieses Italien, das nur noch steht, weil ihm selbst für den Zusammenbruch die Kräfte fehlen.

Das Opfer, auf meine Nation zu verzichten, endlich, ist eines, das ich zu bringen nicht in der Lage bin, auch wenn ich rein rational mir darüber klar wäre, dass es notwendig, oder gar unausweichlich ist. Darum danke ich der Einwohnerkontrolle Italiens, die mich von solchen Fragestellungen pünktlich abmeldet.

Frage an die Leser: wer ist der Autor dieser Zeilen? (übersetzt aus dem Italienischen von G.G.)