Posts mit dem Label Reich Gottes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reich Gottes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 6. Dezember 2011

Theologische Stellungnahme zum kirchlichen Gastrecht für die Occupy-Bewegung am Zürcher Stauffacher

Himmelshoergeraet I, 2007, Oel/Leinwand, Bild von Verena Mühlethaler

Pfrn. Verena Mühlethaler rechtfertigt das kirchliche Gastrecht der Occupy-Bewegung am Stauffacher

Folgende Erklärung wurde in der Zürcher City-Kirche "offener St.Jakob" am 26. November 2011 von Pfarrerin Verena Mühlethaler vorgetragen. Die Veröffentlichung in diesem Blog erfolgt mit der Einwilligung von Pfarrerschaft und Kirchenpflege der Kirchgemeinde Aussersihl.


Darf die Kirche politisch sein?
Das war eine der wichtigen Frage, die unser Entscheid, der Occupy-Bewegung Gastrecht zu gewähren, ausgelöst hat. Die Antworten gingen da ziemlich auseinander. Dazu möchte ich kurz Stellung nehmen.

Neben Gottesdienste feiern, Seelsorge, Bildung und sozialer Unterstützung (Diakonie) hat die Kirche meiner Meinung nach einen politischen Auftrag in unserer Gesellschaft.

Was meine ich mit politisch? Ich meine damit etwas ganz Grundsätzliches, wie es in der ursprünglichen Bedeutung des griechischen Wortes „Politika“ zum Ausdruck kommt: Das meint alle Angelegenheiten, Tätigkeiten und Fragestellungen, die das Gemeinwesen („polis“, die Stadt), also die Allgemeinheit betreffen.

Der Grund, warum unsere Kirchen in diesem eben skizzierten Sinne einen politischen Auftrag hat, ist in der Bibel zu finden. Sie ist die Grundlegung und Richtschnur der Kirche. Die Bibel ist, nicht nur ein religiöses, sondern auch ein eminent politisches Buch ist. Ich möchte das an ein paar Beispielen ausführen:

Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch alle Schriften, die in der Bibel versammelt sind. In der Thora, dem Gesetz von Moses, stehen neben kultische auch Wirtschafts- und Sozialgesetze, die vor allem zum Schutze der Ärmsten da sind: den Sklaven, den Witwen, Waisen und Ausländer.

Deutlich wird das bei den Propheten: Das waren keine Wettervorhersager, sondern sie haben die gesellschaftlichen Missstände klar - und oft wortgewaltig – beim Namen genannt. Der Prophet Amos z.B. kritisiert, dass die wirtschaftlich Schwachen gepfändet, versklavt und unterdrückt werden, während die Reichen üppige Gelage feiern. Sie taten das im Namen jenes Gottes, für welchen die Armen und Unterdrückten Priorität haben. Des Gottes der will, dass in seinem Volk Recht, Gerechtigkeit und Güte verwirklicht werden.

Jesus stellte sich in diese Tradition. In seinen ersten öffentlichen Worten zitiert er den Prophten Jesaja und sagt: „ Der Geist Gottes ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen das Evangelium zu verkündigen. Er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit und Blinden das Augenlicht zu verkündigen, Geknechtete in die Freiheit zu entlassen und das Jahr auszurufen, in dem alle von ihren Schulden befreit werden sollen“ (Lk 4, 18). Er nannte das auch das Reich Gottes. Ein Reich, in dem Gerechtigkeit und Frieden verwirklich sind. In der Bergpredigt sagt er, wir sollten uns nicht zu sehr um unseren eigene Bedürfnisse kümmern, sondern nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit suchen. Das Teilen und die gegenseitige Solidarität sind neben der Liebe Kennzeichen dieses Reiches. Diese Vision können wir ohne Gott nicht verwirklichen. Aber ebenso wenig kann Gott diese seine Vision ohne uns verwirklichen.

Unsere Kirche schafft das nie und nimmer alleine. Und darum freue ich mich sehr darüber, dass weltweit Menschen aufstehen und laut ein Halt rufen: So kann es nicht mehr weiter gehen. Und nach neuen Wegen suchen, wie der entfesselte Markt, insbesondere der Finanzmarkt, sich wieder mehr in den Dienst der Gesellschaft, nämlich der gerechten Verteilung des Wohlstanden, stellen kann. Und ich bin dieser Bewegung insofern dankbar, als dass sie unsere Kirche aus ihrer bürgerlichen Selbstgenügsamkeit aufweckt und sie an ihren eigenen, wichtigen Auftrag erinnert.

Schliessen möchte ich mit den Worten des Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), Gottfried Locher: 

„Ohne Aussagen zum Hier und Heute ist das Evangelium von Jesus Christus kraftlos. Das Heil liegt nicht nur in der Zukunft, es beginnt jetzt: Christinnen haben sich gesellschaftlich einzumischen“


Presse: "Le Temps" (Genf), "Die Zeit" (Hamburg), Tristan Cef in "Tribune de Geneve" (Genf) via "Polit-blog", ref.ch, reformiert. de, " "Langenthaler Tagblatt", "Tages-Anzeiger", "wochenzeitung" "NZZ (16.11.2011)", "NZZ (28.11.2011)" "tele züri",

Predigten von Verena Mühlethaler im Netz:
Heiligabend 2011

Freitag, 24. Juni 2011

Das Ehebuch des Patriarchen


«Schriften» von Heinrich Bullinger

Von Giorgio Girardet

Die Ratlosigkeit zwischen den Geschlechtern in Alt-Europa ist gross: Die Emanzipation der Frau scheint gelungen, die Kinder fehlen. Die zu Ruhm und Rang gelangten Frauen beschäftigen sich nun im Feuilleton mit den demografischen Kollateralschäden ihres Erfolges. Etwa die Zeit-Redaktorin Susanne Gaschke (eine Tochter): «Die Emanzipationsfalle: Erfolgreich, einsam, kinderlos», oder Iris Radisch (drei Kinder), von deren Buch «Die Schule der Frauen» hier kürzlich die Rede war, ganz zu schweigen von Eva Hermans (ein Sohn) Bestseller. Tatsache bleibt, dass die europäischen Staaten ihre Bevölkerungszahlen nur dank ständiger Zuwanderung halten können. Wie war der Geschlechterdiskurs beschaffen, der Europa die Unterwerfung der Welt ermöglichte?

Heinrich Bullingers Buch «Der christliche Ehestand», 1539 in Zürich verfasst, gibt einen Einblick in die protestantische Ehelehre und den damaligen Geschlechterdiskurs. Das Buch, das in seiner englischen Übersetzung zu einem Bestseller wurde – es erlebte allein zwischen 1541 und 1575 neun Auflagen und war von grossem Einfluss auf die Eheliteratur Englands im 16. und 17. Jahrhundert –, ist nun im Rahmen einer Bullinger-Studienausgabe in einer modernen Übersetzung von Detlef Roth wieder greifbar.

Bullinger, der als Nachfolger des früh gefallenen Zwingli Calvin elf Jahre überlebte, war zuletzt eine Art Patriarch des europäischen Protestantismus. Die Ehe ist für ihn, der zusammen mit Anna Adlischwyler elf Kinder hatte, die einzige menschliche Einrichtung, die schon im Paradies bestanden hat, und mit Paulus ist sie die wirksamste Abhilfe gegen Unzucht. Der Mann sei das Haupt der Familie, wie Christus das Haupt der Kirche ist – Aufopferung inklusive. Klare Vorstellungen hatte er zur Rollenteilung:

«Was ausserhalb des Hauses ausgeführt werden muss, wie reisen, dem Erwerb nachgehen und Geschäfte erledigen, kaufen und verkaufen und dergleichen rechtmässige Dinge, ist die Aufgabe des Mannes. Er soll wie ein fleissiger Vogel hin und her fliegen, die Nahrung und die notwendigen Dinge sammeln und unermüdlich zum Nest tragen. Alles, was auf diese Weise ins Haus gebracht wird, soll die Frau sammeln und versorgen, nichts verderben lassen und alles, was im Haus zu tun ist, unermüdlich und unverzagt erledigen.»

Bullinger, Heinrich. Schriften.
Theologischer Verlag. 7 Bände zu je Fr. 58.–

Erschien zuerst in der "Weltwoche" 14/2007. Abonnement hier.

Literatur im Netz zu Bullingers Ehelehre:

Burghartz, Susanna. Zwischen Integration und Ausgrenzung: Zur Dialektik reformierter Ehetheologie am Beispiel Heinrich Bullingers. In: L'Homme. Z.F.G. 1997, Sn. 30 - 42.

Roth, Detlef. Heinrich Bullingers Eheschriften. In: Zwingliana XXXI (2004). Sn. 275 - 309.

Sonntag, 14. Februar 2010

Sloterdijks "Vertikalspannung" und helvetische Gemeindeautonomie



Hinweis auf die Bildquelle im Netz
„Provinz“ und „Reich Gottes“

Wegen der gegenwärtigen Sinnkrise lud die Tamedia einen deutschen „Leuchtturm“ ein, um in die „Provinz“ zu leuchten. Der hellsichtige Grossdenker, Peter Sloterdijk warb im Januar von der Bühne des Zürchers Schiffbaus herab in seiner „Zürcher Rede“ vor erlesenem Publikum für sein neuestes Buch „Du musst dein Leben ändern“. Ein merkwürdiger Titel für einen Denker, der in der Tradition der Aufklärung steht, nach der „niemand müssen muss“. Wer darf uns heute ein „Du musst …“ zurufen? Dazu wäre die Spannung auf ein Ideal hin nötig. Sloterdijk fragt darum: „Wie kann denn überhaupt Spannung, Vertikalspannung gedacht werden, wenn die obere Verankerung der Brücke zum Jenseits fehlt?“ und fährt fort, „Der Vater der Monotheismen, Abraham, hat mit dieser Fragestellung weiss Gott kein Problem. Er legte sich bei seiner Wanderung an einer Stelle im alten Palästina zur Nachtruhe, wählte dabei einen Stein als Kopfkissen und hatte einen Traum, in dem sich der Himmel über ihm öffnete. Vor ihm erscheint eine Leiter, auf der Engel auf- und niedersteigen. Er weiss ganz genau, wo diese Leiter oben angelehnt ist, im Reich Gottes.“ Halt, war das nicht Jakob, der mit der Leiter? Der deutsche Grossdenker und der Zürcher Medienkonzern zeigen eine peinliche Bildungslücke. In Bubikon weiss man, wie wichtig es ist, allen Kindern von Abraham und von Jakobs Himmelsleiter zu erzählen. Am 8. Juni 2005 rettete die Gemeindeversammlung das Fach „Biblische Geschichte“ aus der Gemeindekasse. „Du musst … die Primarschule Bubikon besuchen“ will man dem Philosophen und den Tagi-Redaktoren zurufen, bevor ihr „Provinzlern“ heimleuchten könnt.