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Samstag, 13. August 2011

Fundamenteum Republicae Tigurinae


Diese Münze, die das Porträt des ersten Bürgermeisters Zürichs, Ritter Rudolf Brun (Umschrift: RUDOLPHUS BRUN MILES PRIMUS MAGISTER CIVIUM) auf der einen, auf der anderen aber die Wappen der 13 historischen Zünften Zürichs mit der Aufschrift (FUNDAMENTUM REIPUBLICAE TIGURINAE MCCCXXXVI, 1736) zeigt, ist wohl eine Gedenkmünze zum 400-Jahr-Jubiläum der "Brunschen Zunftrevolution", die hier als "Fundamentum" der "Res Publica Tigurinae" verstanden wird. Die Münze liegt ist ein Produkt des vorrevolutionären Ancien Régime. Dennoch soll von dieser Münze aus die Entstehung der "Republica Tigurina" auf das Jahr 1401 umdatiert werden. Mit den Fragen der "Willensnation" hängt dies insofern zusammen, als zu zeigen sein wird, das Heinrich Bullinger, an dieser Deutung der Vorgänge massgeblich beteiligt war und dass beim nächsten Jahrhundert-Jubiläum 1836, Zürich zu seiner liberalen Verfassung gefunden hat und das Zunftfest des Sechseläutens unter der Ägide des Metzgermeisters Cramer seine moderne Form anzunehmen beginnt. Diesen VorLinkgang habe ich in vier verschiedenen NZZ-Artikeln beleuchtet, die für Afficionados der Geschichte aus dem Archiv erstanden werden können:

Die Rückkehr der Widderzunft an den Rennweg. (NZZ 1995, Nr. , 30. Januar 1995)

Der Judenmord von 1349: Der heilige Matthias und die Zürcher Mordnacht. (NZZ, 2001, Nr. 52, 3./.4. März 2001)

Mit Neubürgern gegen politische Spannungen: Masseneinbürgerungen im alten Zürich. (NZZ 2007, Nr. 47, 26. Februar 2007)

Der neue Pfarrer von St. Peter im «Examen»:
Heute Montagabend führt die Zunft zum Widder ihre traditionelle St.-Peters-Fahrt durch. (NZZ 2008, 28. Januar 2008)
.
Diese vier Artikel stützen - gegen den vorherrschenden Mainstream der Geschichtsforschung - die These vom grossen Zürcher Verfassungsumbruch von 1401, die Paul Guyer in seiner Dissertation 1943 erstmals formulierte, und welch e

Freitag, 24. Juni 2011

Das Ehebuch des Patriarchen


«Schriften» von Heinrich Bullinger

Von Giorgio Girardet

Die Ratlosigkeit zwischen den Geschlechtern in Alt-Europa ist gross: Die Emanzipation der Frau scheint gelungen, die Kinder fehlen. Die zu Ruhm und Rang gelangten Frauen beschäftigen sich nun im Feuilleton mit den demografischen Kollateralschäden ihres Erfolges. Etwa die Zeit-Redaktorin Susanne Gaschke (eine Tochter): «Die Emanzipationsfalle: Erfolgreich, einsam, kinderlos», oder Iris Radisch (drei Kinder), von deren Buch «Die Schule der Frauen» hier kürzlich die Rede war, ganz zu schweigen von Eva Hermans (ein Sohn) Bestseller. Tatsache bleibt, dass die europäischen Staaten ihre Bevölkerungszahlen nur dank ständiger Zuwanderung halten können. Wie war der Geschlechterdiskurs beschaffen, der Europa die Unterwerfung der Welt ermöglichte?

Heinrich Bullingers Buch «Der christliche Ehestand», 1539 in Zürich verfasst, gibt einen Einblick in die protestantische Ehelehre und den damaligen Geschlechterdiskurs. Das Buch, das in seiner englischen Übersetzung zu einem Bestseller wurde – es erlebte allein zwischen 1541 und 1575 neun Auflagen und war von grossem Einfluss auf die Eheliteratur Englands im 16. und 17. Jahrhundert –, ist nun im Rahmen einer Bullinger-Studienausgabe in einer modernen Übersetzung von Detlef Roth wieder greifbar.

Bullinger, der als Nachfolger des früh gefallenen Zwingli Calvin elf Jahre überlebte, war zuletzt eine Art Patriarch des europäischen Protestantismus. Die Ehe ist für ihn, der zusammen mit Anna Adlischwyler elf Kinder hatte, die einzige menschliche Einrichtung, die schon im Paradies bestanden hat, und mit Paulus ist sie die wirksamste Abhilfe gegen Unzucht. Der Mann sei das Haupt der Familie, wie Christus das Haupt der Kirche ist – Aufopferung inklusive. Klare Vorstellungen hatte er zur Rollenteilung:

«Was ausserhalb des Hauses ausgeführt werden muss, wie reisen, dem Erwerb nachgehen und Geschäfte erledigen, kaufen und verkaufen und dergleichen rechtmässige Dinge, ist die Aufgabe des Mannes. Er soll wie ein fleissiger Vogel hin und her fliegen, die Nahrung und die notwendigen Dinge sammeln und unermüdlich zum Nest tragen. Alles, was auf diese Weise ins Haus gebracht wird, soll die Frau sammeln und versorgen, nichts verderben lassen und alles, was im Haus zu tun ist, unermüdlich und unverzagt erledigen.»

Bullinger, Heinrich. Schriften.
Theologischer Verlag. 7 Bände zu je Fr. 58.–

Erschien zuerst in der "Weltwoche" 14/2007. Abonnement hier.

Literatur im Netz zu Bullingers Ehelehre:

Burghartz, Susanna. Zwischen Integration und Ausgrenzung: Zur Dialektik reformierter Ehetheologie am Beispiel Heinrich Bullingers. In: L'Homme. Z.F.G. 1997, Sn. 30 - 42.

Roth, Detlef. Heinrich Bullingers Eheschriften. In: Zwingliana XXXI (2004). Sn. 275 - 309.

Montag, 13. Juni 2011

Heinrich Bullinger: Vater der Reformierten Kirche

Theologe, Historiker und Schriftsteller: Am 18. Juli feiert der Nachfolger Huldrych Zwinglis seinen 500. Geburtstag

Giorgio Girardet

Herkunft und Jugend

Das aargauische Landstädtchen Bremgarten an der Reuss, in dem Bullinger am 18. Juli 1504 als Sohn des Priesters Heinrich Bullinger geboren wurde, hatte sich trotz der Eroberung des Aargaus Vorrechte und stolzen Bürgersinn bewahrt. Zwischen den drei Vororten der Eidgenossenschaft Zürich, Bern und Luzern und der Tagsatzungsstadt Baden gelegen, nahm man hier lebhaften Anteil am politischen Geschehen. In den Wirtschaften des Städtchens prahlten die Veteranen der Burgunderkriege mit ihren Heldentaten, während windige Werbeoffiziere mit der Einwilligung der Tagsatzung junge Männer für die Schlachtfelder Europas anwarben. Diese Eindrücke sammelte der begabte Bremgartner Stadtschüler.

Ein Jahr nach der Schlacht von Marignano (1515) wurde der Zwölfjährige zur Vorbereitung des Studiums nach Emmerrich an den Niederrhein zu den strengen Brüdern vom Gemeinsamen Leben geschickt. Die Brüdergemeinschaft lebte nach der Regel des Heiligen Augustinus, der sich auch der 21 Jahre ältere Martin Luther 1505 als Mönch der Augustinereremiten unterworfen hatte.

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Schriften Luthers, 1519, zog Bullinger rheinaufwärts und bezog die Universität Köln. Hier schloss er sich unter dem Eindruck einer umfassenden humanistischen Bildung und der Lektüre der Kirchenväter und der Reformatoren dem neuen Glauben an. Im Jahr, in dem Zwingli mit der Rechtfertigung des Wurstessens während der Fastenzeit den Reformationsprozess in Zürich lostrat, schloss Bullinger seine Studien als Magister ab und wurde - unter der Bedingung, nicht an der Messe teilnehmen zu müssen - Lateinlehrer an der Klosterschule von Kappel.

Drama der Freiheit

Während in Zürich Huldrych Zwingli die Heiligenbilder aus den Kirchen entfernte, vertiefte sich Bullinger in die römische Geschichte und inszenierte mit seinen Lateinschülern die Sage der Lucretia, in welcher er den Auszug der tugendhaften Römer aus der Königsherrschaft in die Republik mit kräftigen Sätzen gestaltet. Waren nicht auch die frommen Eidgenossen aus der Adelsherrschaft in die Freiheit des Bundes getreten? War nicht jetzt ein grosser Auszug der Gläubigen aus der ägyptischen Gefangenschaft der Papstkirche im Gange?
Bullinger begann, die Geschichte der Eidgenossenschaft als diejenige eines Volkes zu verstehen, das im Bund mit dem Allmächtigen - wie das Volk Israel - seinen Weg geht. War nicht gerade in der durch Solddiensten reich gewordenen Eidgenossenschaft eine Umkehr nötig? Und wenn Gott in so vielen Schlachten den Schweizern beigestanden hatte, war es nicht folgerichtig, dass sich alle Eidgenossen dem neuen Glauben anschlossen?
1525 gab er einen Abriss der Geschichte der Eidgenossenschaft als Kampfschrift in den Druck. Bullinger war zu einem durchaus eigenständigen Verfechter der Reformation Zwinglis geworden. 1528 wurde er Mitglied der Zürcher Kirchensynode und nahm an dem Berner Religionsgespräch (Disputation) teil. Im folgenden Jahr trat er die Pfarrstelle seines Vaters im damals reformierten Bremgarten an.
Eintritt in die Verantwortung


Hier erlebt er die Zuspitzung der Feindschaft zwischen Zürich und den katholischen fünf Orten (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug) in der Religionsfrage. Zwingli suchte eine militärische Entscheidung in der Eidgenossenschaft, bevor sich im Reich eine geschlossene Front gegen die Reformation aufbauen konnte. Kam es im ersten Kappelerkrieg 1529 noch ohne Kriegshandlungen zu einem für die Reformierten nicht ungünstigen Friedensschluss, so endete der zweite Kappelerkrieg (11. Oktober bis 20. November 1531) mit der Niederlage der Reformierten und dem Schlachtentod Zwinglis.

Heinrich Bullinger wurde mit seiner Familie und dem Vater aus Bremgarten vertrieben und kam als Flüchtling nach Zürich. Nach dem Friedensschluss donnerte Bullinger am 28. November im Grossmünster eine Predigt von der Kanzel, dass viele den gefallenen Zwingli zurückgekehrt wähnten. Die Rufe von Bern, Basel und Appenzell ausschlagend, wartete Bullinger, bis ihm am 9. Dezember der Rat, den Zwingli-Gefährten Leo Jud bewusst übergehend, die Übernahme der Nachfolge Zwinglis antrug.

Bullinger handelte sich Bedenkzeit aus und bestand auf der klaren Trennung von Politik und Predigtamt. Wohl sollten sich die Pfarrer der Einmischung in das weltliche Regiment enthalten, wie dies der Rat forderte, doch durfte die Verkündigung in keiner Weise eingeschränkt werden.

Bullinger bedang sich ausdrücklich das Recht aus, die Obrigkeit wie jedes andere Gemeindeglied im Rahmen des «Prophetenamtes» ermahnen und kritisieren zu dürfen. Damit legte er das Fundament für ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen Landeskirche und Regierung. Zürich wurde mit Bullinger weder ein fundamentalistischer Gottesstaat, wie das Genf Calvins, noch sank die Kirche zu einer völlig instrumentalisierten Staatskirche ab, wie die Anglikanische Kirche in England.

Sichern und einigen

Sogleich sicherte Bullinger die junge Zürcher Kirche in ihren Institutionen. Eine neue Synodalordnung gab 1532 der Pfarrerschaft einen festen Rahmen. Das Ansehen der Zürcher Theologenschule hob er durch die Berufung von Lehrern mit Ausstrahlung. Die ständige Überarbeitung des Bibeltextes in der Prophezei wurde kompetent fortgesetzt, und schon 1544 kam, 13 Jahre nach Zwinglis Erstausgabe, eine vollständig überarbeitete Ausgabe der Zürcher Bibel in den Druck. Zwingli hatte aus militärischen Gründen den Zusammenschluss mit Luther gesucht. Bekanntlich scheiterte die Marburger Disputation 1529 an der Abendmahlfrage. Die Zwinglianer, Calvinisten und weitere süddeutsche Städte lehnten auch ausdrücklich das Augsburger Bekenntnis der Reformierten im Reich von 1530 ab.

Im Hinblick auf ein grosses Konzil aber sollten wenigstens die Reformierten aus der Eidgenossenschaft geschlossen auftreten. Bullinger wirkte 1536 an der Ausarbeitung des ersten helvetischen Bekenntnisses in Basel federführend mit. Auch mit Calvin, der in dieser Sache dreimal zu Bullinger nach Zürich reiste, konnte 1549 im so genannten «consensus tigurinus» eine gemeinsame Position in der Abendmahlfrage gefunden werden.
Ab- und Ausgrenzen

Da war das grosse Konzil, das Luther schon 1518 vergeblich gefordert hatte, schon im Gange. Papst Paul III. (1534-49) hatte es nach langen Diskussionen um Beschickung und Tagungsort 1545 eröffnet. Bullinger verhinderte gegen starken miteidgenössischen Druck die Teilnahme der reformierten Schweizer Städte. Die Katholische Kirche überprüfte in Trient Dogmenschatz und ihr Verhältnis zur Tradition und verbesserte Missstände in Überwachung und Ausbildung der Priesterschaft. Bulllinger beobachtete von Zürich aus aufmerksam die Entwicklungen.

Durch ein Netz von Korrespondenten und ein gastfreundliches Haus war er mit Menschen in ganz Europa im Austausch und war wohl der «bestinformierte Eidgenosse seiner Zeit» (Emidio Campi). Wie sich Katholische und Reformierte Kirche wechselseitig abgrenzten und abschlossen, so hatte sich auch die Reformierte Kirche mit fundamentalistischen Abweichlern auseinander zu setzen.

Zwingli hatte nie die Obrigkeit in Frage gestellt und noch bis 1525 an der lateinischen Messe festgehalten. So musste sich die Landeskirche von den ungeduldigen Täufern abgrenzen, welche schon 1523 die Messe aufgeben (Gefährdung des friedlichen Reformationsprozesses) wollten, die Kindertaufe (keine Kontrolle der Bevölkerung durch Taufregister) und die Übernahme von Verantwortung und Ausübung von Gewalt im weltlichen Regiment ablehnten (auch Militärdienstverweigerung) und sich ausserhalb der Territorialgemeinden zu Konventikeln zusammenfanden (keine öffentliche Kontrolle der Gemeinschaften). Sieben Täufer wurden in Zürich ertränkt.

Heinrich Bullinger konstruierte das Feindbild «Täufertum», indem er in einer Verschwörungstheorie jegliches Täufertum mit dem gewaltbereiten sozialrevolutionären Reformator Thomas Müntzer in Verbindung brachte, der sich auf die Seite der aufständischen Bauern im Reich geschlagen hatte und 1525 enthauptet worden war. In einer ersten gedruckten Schrift gleich zu Amtsantritt und im umfassenden Werk 1560 «Ursprung, Entwicklung, Sekten und Wesen der Wiedertäufer», das er an 101 hoch gestellte Persönlichkeiten in ganz Europa zur Warnung zusandte, schuf er ein Feindbild, das noch Jahrhunderte nachwirken sollte.
Prüfung und Vermächtnis

Die grosse Arbeitslast konnte der Vater von elf Kindern nur dank der treuen Mithilfe seiner Frau Anna Adlischwyler bewältigen. Ein harter Schlag war daher ihr Tod durch die Pest am 25. September 1564. Das Konzil von Trient war auch beendet, Bullinger wähnte sich nun in der Endzeit. Während einer Pesterkrankung formulierte er für sich 1566 das Glaubensbekenntnis, das als «zweites Helvetisches Bekenntnis» eine grosse Ausstrahlung in der reformierten Welt erleben sollte: vom Wilden Westen bis Siebenbürgen und Ostungarn dient es noch heute reformierten Gemeinden als Glaubensgrundlage.

Er schrieb, sein Lebenswerk verteidigend, die Reformationsgeschichte (1567) und versuchte noch einmal, die Geschichte der Eidgenossenschaft in einer Gesamtschau zu überblicken (1568). Doch die konfessionelle Spaltung verunmöglichte es ihm, die Geschichte der Eidgenossen als Geschichte eines im Bund mit Gott voranschreitenden Volkes darzustellen. Und so beschränkte er sich in den letzten Lebensjahren, die Geschichte der Zürcher (Tigurinerchronik), als Vorgeschichte der Reformationsgeschichte, niederzuschreiben. Am 14. Dezember 1574 übergab der Siebzigjährige die Reinschrift der Tigurinerchronik und eine Abschrift der Reformationsgeschichte den Pflegern des Grossmünsters. Neun Monate später, am 17. September 1575, verstarb der «Vater der Reformierten Kirche» in Zürich.

Späte Anerkennung

Bis zum Ende des Dreissigjährigen Krieges (1648) waren die stark praxisbezogenen Schriften Bullingers und die eher dogmatischen Calvins ähnlich stark verbreitet. Der 1613 zum Pfarrer am Grossmünster und Antistes der Zürcher Kirche gewählte Johann Jakob Breitinger (er setzte das Theaterverbot in Zürich durch) nannte ausdrücklich Heinrich Bullinger und nicht Zwingli sein Vorbild. Doch über die Reformationsjubiläen 1619, 1719 und 1819 wurde immer mehr Huldrych Zwingli zum «Held» der Zürcher Reformation. Die Editionstätigkeit im 19. Jahrhundert im Rahmen des «Corpus Reformatorum» endlich fokussierte sich auf Luther, Calvin und Zwingli und blendete Bullinger aus. Die Tigurinerchronik aber wurde vom Historiker Johannes von Müller, der am Ende des 18. Jahrhunderts die Schweizer- geschichte neu erzählte, neben der Chronik des Aegidius Tschudi hoch geschätzt und zur Edition empfohlen.

Erst im Rahmen der geistigen Landesverteidigung erinnerte man sich des prinzipienfesten und besonnenen Zürcher Kirchenführers wieder. An der Landi 1939 überragte das Porträt des wortgewaltigen Publizisten an der Ehrenwand im Pressepavillon alle «Schweizer Journalisten aus sechs Jahrhunderten».

Gymnasiasten brachten 1940 sein «Lucretia»-Drama wieder zur Aufführung, und in Zürich wurde 1941 jenes Denkmal am Grossmünster eingeweiht, das ihn als Beschützer der Glaubensflüchtlinge in Zürich ehrt. Mit der Gründung des Instituts für Reformationsgeschichte 1965 hat eine systematische Editionstätigkeit seines Werkes eingesetzt. 1975 wurden an einem Kongress zum 400. Todesjahr erste Forschungsergebnisse zusammengetragen. 2004 hat der Regierungsrat 300 000 Franken gesprochen, um eine wissenschaftliche Edition der Tigurinerchronik zu erarbeiten, und im Rahmen des Bullinger-Kongresses werden im August Forscher aus der ganzen Welt sich in Zürich austauschen.

Publizistische Tätigkeit von Bullinger
zo. Anlässlich von Heinrich Bullingers 500. Geburtstag finden diesen Sommer in den Kantonen Zürich und Aargau vielfältige Aktivitäten statt. Die Zentralbibliothek Zürich (ZB) erinnert mit einer Ausstellung im Katalogsaal an die publizistische Tätigkeit von Huldrych Zwinglis Nachfolger (bis 28. August).

Die Ausstellung zeigt, wie Bullinger das gedruckte Wort einsetzte, um seine Zeit mitzugestalten. Er nutzte das Medium des Druckes, um Zwinglis Ansehen und die Zürcher Reformation zu verteidigen. Bei aller Polemik war er ein Mann der Versöhnung und erreichte wenigstens eine Einigung unter den Reformierten Kirchen, wie der Consensus Tigurinus von 1549 und das Zweite Helvetische Bekenntnis von 1566 bezeugen. Dagegen fand er keine Gnade gegenüber den Täufern und anderen religiösen Abweichlern. Sein scharfes Urteil und das harte Vorgehen gegen sie sollten die Zürcher Kirche vom Vorwurf der Ketzerei freisprechen.

Bestinformiert über die Zeit

Durch seinen umfangreichen Briefverkehr gehörte Bullinger zu den best-informierten Männern der Zeit. Er verfolgte nicht nur den Fortgang der Reformation in Frankreich, England und in den Ländern des Ostens, sondern nahm auch am Schicksal unterdrückter Protestanten regen Anteil und bot seine Hand zur Hilfe. Ohne Bullinger hätte es in Zürich die englischen Flüchtlinge oder das Asyl für die reformierte Gemeinde aus Locarno nicht gegeben. Die Ausstellung beachtet auch Bullingers Kommentare zu biblischen Büchern und seine Lehrpredigten, die unzählige Theologen in vielen Ländern beeinflusst und so die reformierte Tradition geprägt haben. Neben der Theologie beschäftigte sich der Zürcher Antistes intensiv mit der Geschichte. Auch die Gesellschaftspolitik liess ihn zur Feder greifen: So verfasste er ein Drama, das den Solddienst an den Pranger stellte.

Von Bullingers Taufhemd bis zu seinen theologischen Hauptwerken zeigt die Ausstellung Objekte aus den Beständen der ZB, die einen guten Teil des gedruckten und ungedruckten Nachlasses des Reformators besitzt.

Quelle: Zürcher Oberländer, 14.07.2004

Montag, 23. Mai 2011

Bullingers Position zur Prädestinationslehre

Die Zürcher Kirche folgte nicht der harten Position Calvins in der Frage der Prädestination. Unter Heinrich Bullinger wurde eine "mildere Position" erarbeitet, die an der "Hohen Schule" Zürichs (Schola Tigurina) zum Durchbruch kam. Die downloadbare 45-Seitige theologische LinkDiplomarbeit von Pfr. Daniele Scarabel (abgedruckt in Zwingliana XXXIII, 2006, S. 205-222) zeichnet die Entwicklung von Bullingers theologischer Reflexion zur Prädestination über eine erste Predigt (1536) die Dekaden (1549-51) seinen Briefwechsel und das "Zweite Helvetische Bekenntnis" (1566 confessio Helvetica posterior) nach. Unten ist das entsprechende Kapitel aus der confessio Helvetica posterior eingefügt.

VI. Kapitel

Die Vorsehung Gottes

Wir glauben, dass durch die Vorsehung dieses weisen, ewigen und allmächtigen Gottes alles im Himmel und auf Erden und bei allen Geschöpfen erhalten und geleitet werde. Denn David bezeugt und sagt: „Der Herr ist erhaben über alle Völker, und seine Herrlichkeit über die Himmel! Wer ist dem Herrn gleich, unserm Gott, im Himmel und auf der Erde? Ihm, der droben thront in der Höhe, der herniederschaut in die Tiefe ...“ (Ps. 113,4-6). Derselbe wiederum sagt: „ ... mit all meinenWegen bist du vertraut. Ja, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, o Herr, nicht wüsstest ...“ (Ps. 139,3 und 4). Auch Paulus bezeugt und sagt: „In ihm leben, weben und sind wir“ (Apg. 17,28), und: „Aus ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge (Röm. 11,36). Deshalb tut Augustin ganz richtig und schriftgemäß den Ausspruch - im 8. Kapitel seines Buches „Der Kampf des Christen“ -: „Der Herr hat gesagt: „Verkauft man nicht zwei Sperlinge für fünf Rappen? und nicht einer von ihnen wird ohne Zutun eures Vaters auf die Erde fallen“ (Mt. 10,29). Indem er aber so sprach, wollte er zeigen, dass durch Gottes Allmacht sogar das geleitet werde, was die Menschen höchst gering schätzen. So spricht die Wahrheit selbst, dass die Vögel des Himmels von Gott gespeist und die Lilien auf dem Felde von ihm bekleidet werden; die Wahrheit, die auch bezeugt, dass unsere Haare auf dem Haupte alle gezählt seien (Mt. 6,26.28; 10,30) usw..


Wir verwerfen deshalb die Ansicht der Epikuräer, die eine Vorsehung Gottes leugnen, und aller jener, die lästerlich behaupten, Gott bewege sich nur innerhalb der Grenzen des Himmels, könne aber uns und das Unsrige nicht sehen und auch nicht dafür sorgen. Diese Leute hat schon der königliche Prophet David verurteilt, der gesagt hat: „Wie lange sollen die Gottlosen, o Herr, wie lange noch sollen sie frohlocken ...? Sie denken: der Herr sieht es nicht, der Gott Jakobs merkt es nicht. Merkt's euch doch, ihr Narren im Volke, ihr Toren, wann werdet ihr klug? Der das Ohr gepflanzt, sollte der nicht hören? Der das Auge gebildet, sollte der nicht sehen? (Ps. 94,3.7-9) . Allerdings verschmähen wir die Mittel nicht als unnütz, durch die die göttliche Vorsehung sich vollzieht, sondern wir lehren, dass wir uns ihnen soweit anpassen müssen, als sie uns im Wort Gottes empfohlen werden. Daher missbilligen wir die unbesonnenen Worte jener Leute, die sagen: Wenn alles durch Gottes Vorsehung geschieht, so sind unsere Bestrebungen und Anstrengungen ganz vergeblich; es genügt, wenn wir alles der göttlichen Vorsehung überlassen, und wir haben keinen Grund, uns um irgend etwas zu kümmern oder etwas zu tun. Denn wenn auch Paulus anerkannte, dass er durch das Walten der Vorsehung Gottes nach Rom fahre, der ihm selbst gesagt hatte: „Du sollst auch in Rom Zeugnis ablegen“ (Apg. 23,11), der überdies verheissen und gesprochen hatte: „Kein Einziger aus euch wird das Leben verlieren“ (Apg. 27,22), und "Keinem von euch wird ein Haar vom Haupte verloren gehen“ (Apg. 27,34), so sagt derselbe Paulus nichtsdestoweniger, als die Seeleute an die Flucht denken, zum Hauptmann und zu den Soldaten ebenfalls: „ Wenn diese nicht im Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden“ (Apg. 27,31). Denn Gott, der jeglicher Sache ihren Zweck gibt, der hat auch Anfang und Mittel bestimmt, durch die man zum Ziele gelangt. Die Heiden schreiben die Dinge einem blinden Schicksal und dem ungewissen Zufall zu. Der heilige Jakobus will hingegen nicht, dass wir sagen: (,Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt ziehen ... und Handel treiben“, sondern fügt hinzu: „... anstatt, dass ihr sagtet: wenn der Herr will und wir leben, wollen wir dies oder jenes tun“ (Jak. 4,13.15). Und Augustin: „Alles, was oberflächlichen Leuten im Naturverlauf zufällig zu geschehen scheint, erfüllt nur sein Wort, weil nichts ohne seinen Befehl geschieht“ (Auslegung zum Ps. 148). So schien es vielleicht auch gut Glück, wenn Saul auf der Suche nach den Eselinnen seines Vaters den Propheten Samuel traf, aber der Herr hatte bereits vorher zum Propheten gesagt: „Morgen um diese Zeit werde ich einen Mann aus dem Lande Benjamin zu dir senden ...“ (1.Sam. 9,16).

Montag, 16. Mai 2011

Bullingers Dekaden (1549ff.): das Hausbuch der Reformierten

Ein weiterer Band der kritischen Werkausgabe des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger ist herausgekommen. Bullingers „Dekaden“, sein theologisches „Hausbuch“, wurden im 16. Jahrhundert zu einem eigentlichen Bestseller.

Giorgio Girardet

Die lateinisch abgefassten „Dekaden“, das theologische Hauptwerk des Zürcher Reformators, ist eine Predigtsammlung, in welcher Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger (1504 – 1575) die Lehre der reformierten Kirche nach dem Schriftprinzip („sola scriptura“) darlegt. Sie wurden zu einem Bestseller in der reformierten Welt und prägten nicht nur die Frömmigkeit der Reformierten in der Eidgenossenschaft, sondern auch der Anglikaner, Holländer, Hugenotten und Reformieren im Reich, in Polen und Ungarn.
Die Notwendigkeit eines katechetischen „Hausbuches“ ergab sich Zwinglis Nachfolger aus den schwierigen Zeitumständen. 1545 trat in Trient endlich das Konzil zusammen, das die katholische Kirche „reformieren“ sollte. In der ersten Sitzungsperiode bis 1547 wurden verschiedene reformatorische Errungenschaften von der katholischen Kirche verurteilt. Ausserdem starb 1546 der deutsche Reformator Martin Luther, und der katholische Kaiser Karl V. errang am 24. April 1547 einen entscheidenden Sieg über die Protestanten im Reich. 1548 trat das „Augsburger Interim“ in Kraft, was bedeutete, dass den protestantischen Reichsstädten Priesterehe und Laienkelch (beim Abendmahl) gewährt wurde, bis das Konzil von Trient etwas für die Christenheit Gültiges bestimmt haben würde. Am 13. Oktober musste das durch ein „christliches Burgrecht“ mit Zürich verbundene Konstanz auf sich allein gestellt ­– aus Rücksicht zu den katholischen Miteidgenossen unterliessen die reformierten Städte eine Hilfestellung – vor den kaiserlichen Truppen kapitulieren und wurde rekatholisiert.

Grundsätze des Christentums

In dieser aufgewühlten Zeit beschloss Bullinger, über die Grundsätze des Christentums, so wie er es nach der Reformation Zwinglis und in Auseinandersetzung mit dem Genfer Reformator Calvin verstand, Lehrpredigten zu verfassen. Die ersten zehn Predigten (Dekade) widmete der Grossmünsterpfarrer und Antistes (Vorsteher der Landeskirche) Bullinger 1549 seinen Amtskollegen auf der Zürcher Landschaft. Aber schon die dritte Dekade ist dem damals dreizehnjährigen englischen König Eduard VI. gewidmet, der angeleitet durch den Erzbischof von Canterbury 1549 mit dem „Common Prayer Book“ ein lutherisch-calvinistisches Mischbekenntnis in der anglikanischen Kirche Englands einführte.

Dem Humanismus verpflichtet

Bullinger ist in seiner Lehrtätigkeit in den Dekaden ganz dem Humanismus verpflichtet, dessen Losung „ad fontes“ (zu den Quellen!) er darin umsetzt, dass er auch vor seine Lehrpredigten die wichtigsten Konzilsbeschlüsse des Urchristentums setzt. Denn mit ihm weiss er sich einig, bevor die Irrungen des Papsttums einsetzten. Bei der Darlegung seiner Lehrinhalte zitiert er auch die antiken Schriftsteller. In der ersten Dekade geht er auf die Grundbegriffe des Christentums ein: Wort Gottes, Glaube, Liebe. Die 7., 8. Und 9. Predigt ist der Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses gewidmet. In der zweiten und dritten Dekade geht er auf die Zehn Gebote ein, in der vierten und fünften vertieft er die Auslegung des Apostolikums um die Begriffe Gott, Christus, Geist (Dreieinigkeit) und „Kirche und Sakramente“. Für den des lateinischen unkundigen Leser sei auf die 2006 erschienene Ausgabe in modernem Deutsch verwiesen. Sie ermöglicht eine unverstellte Wiederbegegnung mit der Lehre der damaligen Landeskirche, wie sie im Augenblick der Gefahr von Zwinglis Nachfolger in Worte gefasst wurde.
Leicht modifizierte Fassung des Artikels im „Zürcher Oberländer" vom 9. Mai 2008.
Gesamtkatalog des Theologischen Verlags Zürich