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Freitag, 16. November 2012

Nachruf: Handeln statt klagen



28. Juni 1913 – 2. März 2005.
Waldenserin, Widerstandskämpferin, Stadträtin, Pazifistin, Migrantin.

Mailand 1944, sie sah die Strassensperre und bekam Angst. Elena Dereher – noch unverheiratet – sollte Adressen überbringen. Eine innere Stimme sagte: Schau nach links. Dort war ein Blumenbeet, und sie versteckte die Liste. Sie war aktiv in einer Frauengruppe. Die Frauen verteilten Flugblätter, oganisierten verstecke für Partisanan, leisteten Kurierdienste, fälschten Papiere. Die „Gruppi di Difesadelle Donne“ waren relevant für den italienischen Widerstand.
Aufgewachsen ist Elena in Norditalien. Familie Dreher war der die Mussolini-Regierung suspekt: Sie stand ausserhalb der faschistischen Partei, hatte sich 1925 zudem der reformierten Kirche Italiens, den Waldensern, angeschlossen. Später zog Elena nach Mailand, dann nach Rom, um Arbeit zu suchen. Dies war schwierig, weil sie keine faschistische Mitgliedskarte besass.
Sie interessierte sich für den sozialen Bereich – eine Schulung in Sozialarbeit existierte noch nicht – und begann die Ausbildung zur Krankenschwester. Bei einer Anmeldung sollte sie ihren Mitgliederausweis vorlegen. Sie log, sie habe den in Rom verloren, er werde nachgeschickt. Die Oberschwester begriff und bestand nicht darauf. 

Mit falschen Papieren

Während der Arbeit im Spital erhielt Elena eines Tages die Meldung, dass jemand unter Folter ihren Namen genannt habe, und sie fliehen müsse. Sie gab vor, sie habe schlechte Nachrichten erhalten und müsse sofort heim. Kaum weg, erschienen zwei Uniformierte im Spital und fragten nach Elena, um sie zu verhaften. Die Oberschwester teilte ihnen mit, sie sei unabkömmlich im Operationssaal, sie sollten später kommen. Diese Lüge schaffte genug Zeitvorsprung für die Flucht.
Natürlich ging Elena nicht nach Hause, sondern fuhr bei eisiger Kälte per Velo zu Freunden im Norden. Sie färbte die Haare, änderte die Frisur und kehrte nach Mailand zurück. Sie lebte fünf Monate mit falschen Papieren im Untergrund und musste erfahren, auf wen sie wirklich zählen konnte. Nach der Befreiung Mailands wurde sie Stadträtin, zuständig für das Fürsorge-  und Wohltätigkeitsamt. Sie war die erste Frau in der Geschichte Italiens in einem öffentlichen Amt. Ein Jahr später verzichtete sie auf die Wahl. Elena brauchte mehr Gestaltungsfreiheit. Die hatte sie als Mitgründerin der ersten italienischen Schule für Soziale Arbeit.
Mit ihrem neuen Lebensgefährten, Hans Fischli, kam Elena 1949 in die Schweiz, es wurden Zwillinge geboren, kurz darauf noch einen Sohn. Familie Fischli wohnte oberhalb Meilen, das Leben war für Elena Fischli schwierig, sie war isoliert: Kleine Kinder, eine problematische Partnerschaft und pflegebedürftige Schwiegereltern.
Elena besuchte Tagungen auf Boldern, die schafften Freiraum, dort lernte ich sie kennen. Wir kämpften gegen die Überfremdungsinitiativen. Mit ihrer ansteckenden, liebenswürdigen Art überzeugte sie mich zu meinem eigenen Einsatz in Ausländerfragen. Es gelang ihr, dank ihrer charismatischen Argumentation, dass die Gemeinde Meilen eine Baracke als Treff für Italiener und auch Schweizer einrichtete.
Später zog Elena allein nach Zürich. Sie lancierte die Kontaktstelle für Italiener (später Ausländer) und Schweizer. Sie vertiefte ihr pazifistisches Engagement, wurde aktiv bei den Frauen für den Frieden und nahm bis zuletzt an deren monatlichen Mahnwachen teil. Sie war hartnäckige Sammlerin für unzählige Initiativen und überhaupt immer hilfsbereit. Zum Ausgleich spielte sie Klavier.
Wichtig war ihr die Mitarbeit bei den Waldensern, sie verfasste Artikel für die Voce Evangelica. Am Freiheitsfest der Waldenser – wie symbolisch – brach sie zusammen. Auf ihr Grab wünschte sich Elena von den drei Enkeln Küchenkräutern. Ein unübliher Wunsch einer aussergewöhnlichen Frau, die Eigenständigkeit umsetzte und lebenslang für Freiheit, Friede und Gerechtigkeit kämpfte. 

(Erschien zuerst in „p.s.“, 2005)

Dienstag, 16. August 2011

Mitbestimmung - eine universitäre Tradition

Giorgio Girardet

Mit einer Mischung aus gemahlenen Ziegelsteinen und Stierblut pflegen noch heute einige erfolgreiche Doktoranden der 1134 gegründeten Universität von Salamanca ihre frischerlangte akademische Würde der Stadt kundzutun. In Pisa sind noch heute Spuren ähnlicher Wandmalereien auf der Fassade der Kirche von San Michele in Borgo festzustellen. Nicht die frischen doctores, sondern die neuernannten rectores des pisanischen Studiums gaben auf der gotischen Kirchenfassade ihrer Freude mit roter Farbe Ausdruck. Das Erstaunliche daran: Das Alter der Pisaner Rektoren lag meist unter dem der Salmantiner Doktoren. Was heute undenkbar wäre, war im Mittelalter der normale Gang der Dinge. Die Studenten selber standen der Universität als rectores vor. Damit konnten die Professoren ganz der Lehre und Forschung leben, ohne durch den lästigen administrativen Alltagskram abgelenkt zu werden.

Um dies zu verstehen, müssen wir uns vor Augen halten, was eine Universität im Mittelalter war. Es war ein Ausbildungsverein für Juristen und Theologen, manchmal auch Mediziner, die sich zuvor in den artes liberales, dem Kanon der mittelalterlichen Wissenschaften, zu üben hatten. Die universitas meinte durchaus nicht die Gesamtheit des Wissens, sondern die Gesamtheit der Lehrenden und Lernenden; ein Rechtskollegium (Körperschaft), wie es auch eine Zunft darstellte. So gehörte die Kirche San Michele dei Calzolai in Lucca der universitas der Schumacher, was keine Abendschule für Handwerker war, sondern schlicht deren Zunft. Die Körperschaft "Universität" wurde in Südeuropa institutionell ganz entscheidend von denen getragen und mitgestaltet, die heute sich mehr und mehr in die Rolle von blossen Wissenskonsumenten abgedrängt sehen.

"Das ist finsteres Mittelalter", werden nun einige einwenden. Spätestens mit der Renaissance wird man festgestellt haben, dass man solche grosse Verantwortungen nicht unpromovierten Schnöseln überlassen kann. Das musste schon der neue uomo univers(it)ale her. Doch weit gefehlt: Ein Eidgenosse aus Mollis (GL) namens Heinrich Loriti oder Glareanus, wie er sich als Humanist nannte, gründete nach langer studentischer Wanderzeit durch Europa in Basel eine Schule für Sprösslinge aus den Patrizierfamilien, die bald zu einer Konkurrenzanstalt für die Basler Universität wurde. Die Schule Glareans war wie die Römische Republik organisiert: Es gab Konsuln, Ädile, Quästoren etc. und ... diese Ämter wurden nicht etwa der Ruhmsucht des Lehrkörpers überlassen, sondern sämtlich von Studenten ausgefüllt.

Erstveröffentlichung im "Zürcher StudentIn" 20.01.1991



Freitag, 22. Juli 2011

Indro Montanelli: zehn Jahre danach, einem achtzehnjährigen Italiener erklärt

Indro Montanelli (1909 - 2001)

Er war bereit vieles der Klarheit und Einfachheit zu opfern. Er war überzeugt, wenn ein Zeitungsartikel zwei Ideen enthielt, dann war ein zuviel.

von Beppe Severgnini

Er war ein Sonderfall. Zu grossgewachsen, zu mager, zu tüchtig, zu schwermütig, zu gutmütig, zu stolz es zu zeigen. Wie soll ich dir einen solches Menschen schildern, der du achtzehnjahre zählst und in der Zeit von „mani pulite“ geboren wurdest? Ich könnte damit beginnen dass seine Hände tatsächlich sauber waren. In Anbetracht dessen, womit ein Journalist täglich umgeht, heute wie damals, füge ich hinzu: er kannte sich selbst gut und auch die Italiener. Zum Glück irrte sich er ab und an.

Italien, so sagte er, hat viel Bedauernswertes und einige Schuldgefühle, aber wenig Stolz und schon gar kein Gedächtnis. Darum war Montanelli überzeugt, er würde sehr schnell in Vergessenheit geraten. Ich war vom Gegenteil überzeugt, und forderte den cholerischen Misanthropen in ihm heraus. Ich habe ihm sogar eine Wette vorgeschlagen, im Wissen dass ich den Gewinn nie werde einstreichen können. Denn ich habe sie gewonnen. An Montanelli erinnern wir uns – und wie! – in grosser Zahl, nicht zuletzt des Mannes wegen, der ihn in den letzten Jahren beschäftigte und verbitterte, und bis heute viele von uns umtreibt und verbittert: Berlusconi.

Indro kannte Silvio ganz genau, da er ihn hochkommen sah: er war im Bilde über die Gewohnheiten und Laster, seine Tugenden und seinen Machtwillen. Er fürchtete seinen Charme, die Umarmungen und die Versprechungen. Er wusste wie die italienische Rechte einen Minderwertigkeitskomplex auslöschen wollte; und bereit war jedem zu folgen, der sie zum Sieg geführt hätte, und ihm alles zu verzeihen: Dürftigkeit, mangelende Integrität, Privatinteressen.

Die These der Montanellianer, die zu Berlusconi übergelaufen waren – die „montalusconiani“, reichlich für ihre elastische Treue belohnt – war, dass der Meister dem Schüler den durchschlagenden Aufstieg neidete und Verschiebungen auf der nationalen Bühne nicht tolerierte. Gewiss, vielleicht lag auch ein Gran Wahrheit in dieser Bemerkung. Aber in den groben Zügen war die Sache genau so, wie Indro sie erzählt hat. Montanelli war – viel früher als der „Economist“ – der Ansicht, Berlusconi sei „unfit to rule“, untauglich für die Regierungsgeschäfte. Und er hatte eine glasklare Überzeugung: ein Journalist kann nie für einen politischen „leader“ arbeiten. Macht er es, so verkommt er zu seinem Sprecher, zu seinem Kofferträger oder seinem Aschenbecher (wieviele triste professionelle Kippen schleppen sich durch Italien!).

Mit dem Wissen danach könnte ich dir sagen, dass Montanelli, in der Sache, zwei zutreffende Vorhersagen abgab, aber in einem dritten Punkt falsch lag. Indro hatte verstanden, dass die Verführungskunst Berlusconis verbunden mit seiner totalen Absenz von Prinzipien, aus ihm einen optimalen Populisten gemacht hätte, aber einen himmeltraurigen Reformer. Er hatte geahnt – wusste er es? – dass die leichten Sitten des Geschäftsmannes, den Prüfungen denen Staatsmänner unterworfen werden, nicht standhalten würden. Aber er hatte auch vorausgesagt, dass die Italiener, nachdem sie ihn einmal „ausprobiert“ hätten, gegen einen Rückfall geimpft wären. Hier irrte er. Die Krankheit von 1994 wurde wieder 2001 akut und 2008 ein drittes Mal. Nun, sind wir – vielleicht – auf dem Weg der Genesung. Aber der Körper ist geschwächt, und die Rekonvaleszenz wird lange dauern.

Hast du verstanden? Gut: das heisst, ich habe bei Montanelli etwas gelernt. Du musst wissen, Indro ärgerte sich über die Dinge, die er nicht verstand: und er verabscheute Leute die sich nicht verständlich machen wollten. Ganze Berufsgattungen, von den Historikern bis zu den Literaturkritikern haben im misstraut. Einige verwechselten seine Einfachheit mit Einfalt (ohne sich darüber klar zu werden, dass ihre Komplexität, nichts als Konfusion war). Andere dachten: da muss etwas dahinter stecken! Aber hinter Indros Schreibe und Logik verbarg sich nichts als der Refrain eines Liedes, das im Schwange war, als ich dein Alter hatte: himmelblaues Wasser, klares Wasser. Lies Montanelli, du siehst den Dingen auf den Grund und verstehst, was sich dort unten bewegt.

Der Klarheit und der Einfachheit opferte Indro bereitwillig viele Dinge: Nebensätze, Argumente, Details. Er war überzeugt, wenn ein Zeitungsartikel zwei Ideen enthielt, na, dann war eben eine zuviel. Und er gab sich auch kreative Freiheiten, wenn er die Weltläufte erzählte. Als 1991 mein erstes Buch in England erschien, enthielt es ein Zitat von Winston Churchill. Ich hatte es von Montanelli gehört: „Die grossen Völker haben nicht das Recht, sondern die Pflicht undankbar zu sein“. Der brititsche Verlag, Hodder&Stoughton, hatte einen Beleg des Ausspruchs in jedem Geschichtsbuch, Monographie, Biographie gesucht: und er wurde nicht fündig. Als er sich an mich wandte, um die Quelle zu erfahren, antwortete ich: „Indro Montanelli“. Und der Verleger: „Nun, tja, wenn’s Montanelli sagt …“. Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir der Verdacht, Winston Churchil verfüge jetzt über ein Zitat mehr. Möge es ihm nicht missfallen.

Für die Italiener – und er kannte uns gut, ebenso in unseren unverhofften Glanzmomenten, wie im alltäglichen Mittelmass – nährte Indro eine jähzornige Leidenschaft. Er misstraute ihnen, und liebte sie. Er nährte spielerische, begeisternde Antipathien: in der Regel wurden sie nur hochrangigen Personen zuteil, andere liquidierte er mit einem geistesabwesenden Lächeln. Er sah sich aber als weltläufigen Gentleman, und hielt dafür, sich nicht ewig zu zanken. Er vermied darum die plumpen Angriffe, die heute gang und gäbe sind. Er beschränkte sich auf fulminante Urteile im Privaten, wo er seine liebste Technik anwandte, die seine „Incontri“ (Begegnungen) und Nachrufe so berühmt machte: wenn du einen Menschen loben willst, kritisiere ihn; wenn du ihn kritisieren willst, decke ihn mit Lob zu. Ein Beispiel? Oriana Fallaci, mit der er einen grimmigen Waffenstillstand geschlossen hatte. Zu tüchtig und zu sehr Toskaner waren alle beide um gleicher Meinung zu sein.

Montanelli – Du wirst es kaum glauben, da du in den 2000ern, im Jahrzehnt der Taugenichtse, gross geworden bist – war ein diskreter Mann. Er wählte mit Bedacht die Teile des Lebens aus, die er privat hielt und jene, die er öffentlich machte und gar etwas ausschmückte, und von letzteren erwartete er die geschuldete Anerkennung. Er war ein pragmatischer Narziss: die öffentliche Anerkennung – sie hat ihm nie gefehlt – war Labsal für ihn, und nährte ihn mehr als die Lebensmittel, die er mit leidenschaftlichen Minimalismus und Misstrauen in Angriff nahm. Sein Stammplatz bei „Elio“ in via Fatebenefratelli war ein Seehafen, wo wenig Teller aufkreuzten, aber viele jüngere Kollegen, alte Bekanntschaften, Ehrenmänner, schöne Frauen, Piraten der Politik und sympathische Filibuster (für die er eine Schwäche hatte, wenn sie nur süffige Anekdoten lieferten und nicht unwahrscheinliche Korrektheit heuchelten).

Ebenso gastfreundlich – und noch spektakulärer – war sein Direktionsbüro in via Gaetano Negri: wieder ein Hafen, mit einem einzigen Kommandanten. Montanelli war Conrad, am Bord seiner „Lettera 22“: er wusste zu erzählen, und liebte es, Erzählungen zu lauschen. Mit Ausnahme einiger Rituale – so das nachmittägliche Nickerchen im Ohrsessel, bewacht von Isis, dem schmiegsamen Cerberus – durften alle zu ihm eintreten, mit ihm sprechen. Dauerschwätzer und Übelzeitige waren selten, die Paranoiker nur ein paar; und keiner von ihnen war ein Jüngling. Respekt und Ehrfurcht lehrten uns den richtigen Moment, und wenn wir zu ihm traten, waren wir immer willkommen, vor allem dann, wenn wir ihm den in Aktenkladden eingeschlossenen Duft der weiten Welt brachten (mehr brauchte er nicht).

Eher als eine Chefetage war das zweite Geschoss des Giornale von Montanelli ein englischer Club, in dem wenige aber klare Regeln herrschten, die Atmosphäre brillant und Exzentrizimus nicht toleriert: vielmehr obligatorisch. Für einen Jungen wie dich - der an Fernsehmoderatoren gewöhnt ist, die Dobermänner ihres abwesenden Herrchens – wird es schwierig sein, sich eine Zeitungsredaktion der Achtziger vorzustellen. Mochte draussen der Sturm wüten: aber die Matrosen im Hafen, waren glücklich beinander zu sein und zu wissen, wie die Segel zu stellen waren. Ich erinnere an die Glossen von Mario Cervi, di transatlantischen Befürchtungen von Pasolini Zanelli, die eleganten Sarkasmen von Scarpino, das gescheitelte Schweigen von Biazzi Vergani und das Gekreisch von Giorgio Soavi – ich habe nie verstanden, ob Indro und er im Ernst zankten. Als Angelo Rizzoli ins Gefägnis musste, anerbot sich Montanelli seinen Raben aufzunehmen. Der gefiederte Schwarze sprach in seinem Käfig deutlicher als ein Papagei und übler als ein Hafenarbeiter. Das Schauspiel vom gestrengen Giovanni Spadolini, der den wütigen Auslassungen des Raben kontra bot, und Montanelli, der den Raben verteidigte, ist eine meiner schönsten Erinnerungen.

Etwas anderes war das kurze Abenteuer der „La Voce“, die im perfekten Sturm versenkt wurde. Und wie es die Erfahrung und die Romane schildern, es war der Kapitän der am meisten litt: wir hatten die Sorglosigkeit der jungen Mannschaft, die weitere Anheuerungen vor sich sieht. Zum Glück kam dann der „Corriere“: er schenkte ihm noch einmal sechs jahre begeisternder Arbeit, wieder im Kontankt mit seinen Lesern: die einzigen Herren, in der Vergangenheit auch erbarmungslose. „La Stanza di Montanelli“ wurde etwas mehr als eine schöne journalistische Metapher. Es war der reale Ort, den Indro, ab und an aufsuchte, um die Alltagluft seines Blattes zu schnuppern: das letzte Bollwerk gegen ein abdriftendes Italien, das ihm immer weniger gefallen wollte. Eines Tages, als ich ihn aufforderte, öfter zu kommen, die Kollegen jeden Alters würde es freuen ihn zu sehen – und es war die Wahrheit – antwortete er mir: „Ich weiss, sie mögen mich beim Corriere. Aber nun bin ich ein Urahn und Urahne die werden eingerahmt, und kommen nicht um die Arbeit zu verzögern.“

So: ich habe versucht dir einen mann zu schildern, den ich gut gekannt habe, und dem ich viel verdanke. Es ist das zweite Mal, das ich es tue, und wieder für die Zeitung in der Indro begonnen hat, in der er brillierte und wo er sein Leben beschloss. Das erste Mal vor zehn Jahren schrieb ich auf einem Tisch vor dem Meer in Gallura, heute unter einer traumhaften lombardischen Magnolie. Montanelli war hier, er hat sie gesehen, sie hat ihm gefallen. An jenem Abend – es war der Frühsommer 1997 – haben wir unter dem Torbogen Abendbrot gegessen, und die Schwalben schossen über uns durch den Himmel uns gänzlich ignorierend, auf ihre Nester zwischen den Balken zu. Indro beobachtete sie hypnotisiert. Er sah sie frei, elegant, pfeilschnell, sicher, mit ihren kräftigen Flügeln und ihren präzisen Bahnen. Es schien als würde er sie beneiden. Ich denke er hätte sie gern als Vorbild in den Journalistenschulen gesehen, so denke ich mir es.


Publiziert am 18. Juli 2011 im "Corriere della Sera" übersetzt von G.G.

Montag, 18. Juli 2011

Tiziana Abate: Montanelli nur ein Journalist (Auszüge)







Seit ich denken kann, habe ich gedacht, ich würde Journalist werden. Es war keine Wahl. Ich habe nichts entschieden. Der Journalismus hat sich für mich entschieden. Und das war einer der vielen Glücksfälle meines Lebens, denn es steht fest, dass alles, was ich gemacht habe, einem treuen Verbündeten schulde, der nie von meiner Seite wich: dem Zufall. Emilio Cecchi hingegen gab mir die Weisheit mit, die sich als die kostbarste meines Berufslebens erwies: „Vergiss nie: Journalisten sind wie Bordschwalben: solange sie das Pflaster schlagen, laufen sie vorzüglich und können in der Welt auch was werden. Das Schlamassel fängt an dem Tag an, an dem sie sich in den Kopf setzen, sich in der guten Stube breitzumachen …“

(...)

Das machte damals die ganze Jugend, die auch nur einen Funken Leben im Leibe hatte. Für die Twens von damals, stellte Abessinien der „Wilde Westen“ und „1968“ in einem dar. Das Hirn von den ipropagandistischen Lektüren über Dogali, Adua, Toselli und Galliano vernebelt, hofften wir dort unten ene „Neue Welt“ zu erschaffen und deren „Pilgerväter“ zu werden, ohne zu begreifen, dass Mussolinis Kolonialismus, der gerade im Moment debütierte, in dem die anderen Mächte von der Notwendigkeit Kenntnis nahmen, ihre Imperien zu liquidieren, schon gänzlich anachronistisch war, weil er mit dem wachsenden Bewusstsein um das Selbstbestimmungsrecht der Völker kollidierte. Und in meinem Fall war da auch noch der Wunsch ein Buch zu schreiben, um literarischen Ruhm zu erlangen.

(...)

Dies war der einzige Lichtblick jener letzten Wochen in Abessinien. Allmählich hatte der Ekel den Traum einer „Neuen Welt“ verscheucht. Es war kein anderes Italien, das da in Afrika am entstehen war, sondern das übliche Italien mit seinen Emporkömmlingen, seinen Klientelen und seinen Schlampereien. Damals gab ich dem Faschismus die Schuld, ohne zu begreifen, dass dieser nicht der Grund des italienischen Elends war, sondern dessen Konsequenz.
(...)

Ein gewisses Bürgertum sah in mir den Vertreter der italienischen Rechte. Es war eine verbohrte Rechte, die in mir ihren Sprecher sah, einzig und allein, weil ich mich der Linken in den Weg stellte. Was sie nie begriffen: dass ich mit der Rechten nie eine Ideologie verbunden hatte, und noch viel weniger eine bestimmte Partei, sondern eine Kultur.

Benedetto Croce definierte den Liberalismus als ein Gefäss, in dem jegliche Idee ihren Platz finden kann, wenn sie nur sie dessen Benimm-Regeln akzeptiert und ihnen nachlebt. Mehr als eine Ideologie war die Rechte stets eine moralische Haltung, ein Knigge für den Umgang: Interesselosigkeit, Korrektheit, Diskretion, Abscheu vor dem Spektakel und der Demagogie. Und welches Beispiel solcher Qualitäten hat die aktuelle Rechte gegeben? Ich kann in ihr - und immer gibt es natürlich Ausnahmen - einzig Dilettanten erkennen, die wenn sie nicht alle aus purem Eigennutz Politik treiben, so sind sie doch gänzlich unfähig sie von dem Öffentlichen Interesse zu trennen, wie es das Einmaleins der Rechte eigentlich verlangen würde.
(...)

Und doch, zwischen all dem Glück und all den Erfolgen, die mir zuteil wurden, hat mir das Schicksal das Los zugeteilt, jene zwei Dinge mit ins Grab zu nehmen, die ich am meisten geliebt habe: meinen Beruf und das Land Italien.

Was aus ersterem geworden ist, zernichtet durch Computer und Fernsehen, ist allen offensichtlich, die es wahrnehmen wollen.

Was Italien betrifft, so ist der Krebs mittlerweile nicht mehr aufzuhalten und die Verwesung setzt nun ein, durch die Auflösung jenes kümmerlichen Restes, der noch vom Staate blieb. Und ich nenne es Verwesung, nicht Zerfall oder Sezession. Denn für die Sezession bräuchte es den Willen zur Gewalt, und wo fände sich in ganz Italien auch nur eine Kompanie Soldaten, die bereit wären für oder gegen die Einheit der Republik die Waffen zu ergreifen? Dieses Italien, das nur noch steht, weil ihm selbst für den Zusammenbruch die Kräfte fehlen.

Das Opfer, auf meine Nation zu verzichten, endlich, ist eines, das ich zu bringen nicht in der Lage bin, auch wenn ich rein rational mir darüber klar wäre, dass es notwendig, oder gar unausweichlich ist. Darum danke ich der Einwohnerkontrolle Italiens, die mich von solchen Fragestellungen pünktlich abmeldet.

Frage an die Leser: wer ist der Autor dieser Zeilen? (übersetzt aus dem Italienischen von G.G.)