Montag, 9. November 2009

Teuwsen, der Koran, die böse Weltwoche & der gute Greis


Peer Teuwsen feiert mit Roger de Weck die erste Schweiz-Ausgabe der "Zeit"

Einer der ersten Links den Google zum Schweizerisch-Deutschen Journalisten Peer Teuwsen findet, ist dieses Interview mit dem Rapper "Greis", einem der neuen shooting-stars der linken Szene in der Schweiz (Profil: Politologie-Studium, engagierte Texte, solidarisch mit allen Unterdrückten, Anti-Blocher). Als Constantin Seibt die "Wochenzeitung" verlassen musste, war Greis einer der Kolumnisten-Nachfolger des Erfinders der "Familie Monster". Nachdem Peer Teuwsen "Das Magazin" verlassen musste, war der nun eingebürgerte, geborene Deutsche einige Zeit Leiter "Kultur und Wissenschaft" bei der "Weltwoche". Das Rudel der gutmeinenden Mainstream-Journis der Schweiz strafte ihn dafür mit Liebesentzug: Sie hätten Teuwsen lieber als Arbeitslosen gesehen, denn als drittwichtigster Mann der Weltwoche. Der Rapper-Kolumnist der "Wochenzeitung" wähnte den Moment gekommen, einen "scoop" zu landen: die Entlarvung der SVP-Weltwoche durch das Knacken des "anständigen" Peer Teuwsen.

Unter dieser Perspektive muss das Interview gelesen werden, das drei Dinge zeigt: kritische Loyalität Teuwsens gegenüber seinem Arbeitgeber, betonierte Vorurteile im Kopf des Rappers und Unkorrektheit des WoZ-Kolumnisten im Umgang mit dem Interview-Partner. Die folgende Passage war "off-records" und wurde vom Interviewten nicht freigegeben:

Glaubst du, der Islam sei eine Religion der Gewalt?

Ich habe mal den Koran gelesen, und ich muss sagen, es ist ein sehr blutrünstiges Werk
.

Daraus sind drei Dinge zu schliessen:

1. Ein linker Gutmensch (dieser scheussliche Begriff scheint mir hier trotz allem angebracht) scheut keinen Bruch seiner Berufsethik im Bemühen die betonierten Vorturteile seiner Leserschaft bestätigen zu können (die Weltwoche muss islamophob sein)

2. Auf der Wochenzeitung gehen die Redaktoren davon aus, dass kein Leser der "WOZ" den Koran selber liest (dort glaubt man das Meinungsmonopol einer "Prawda" zu geniessen) und die Meinung, die Teuwsen "off-records" abgab allenfalls bestätigen könnte.

3. Ein seriöser, anständiger Journalist scheut derart die Vorurteile des Mainstreams (man darf zum Islam nichts Kritisches sagen), dass er einen echten Lese-Eindruck, den er unbefangen "off-records" abgab nicht autorisieren will.

Schliesslich hat Teuwsen mit dem "Türkentum" seine Erfahrungen gemacht: sein Interview mit Orham Pamuk brachte den türkischen Romancier in die Schlagzeilen der Weltpresse und verschaffte ihm angesehene Preise. Die Folgen seines Interviews schildert er in seinem eben erschienen Buch "Das gute Gespräch":

Als ich eines Abends den Fernseher anstelle, sehe ich in den Tagesthemen Bilder vom Prozess gegen Pamuk in Istanbul. Vor dem Gerichtsgebäude stehen Nationalisten und schreien: "Jude, Jude, Jude!". Eine Frau schlägt Pamuk eine Aktentasche auf den Kopf. Die Polizei steht mit verschränkten Armen daneben und schaut zu. Mich schaudert. Bin ich schuld an diesen Zuständen? Ich weiss es nicht. Der Prozess wird noch am selben Tag vertagt, das Verfahren schliesslich auf Geheiss von ganz oben eingestellt. Der Paragraph 301 wird entschärft. Im Oktober 2006 bekommt Orhan Pamuk den Literaturnobelpreis zugesprochen.

Das Buch, das Interview-Perlen mit wertvollen Einblicken in die Praxis eines Meisters bietet, kann allen nur empfohlen werden. Bescheiden im Anspruch, enthält es goldige Einsichten. Weil Teuwsen weder als bewundernder Jünger eines Meisters interviewt (wie seine Kollegin Katja Nicodemus (D)) noch als zynischer Zeitgenosse (wie sein Kollege Andre Müller (A)), noch als selbstverliebter Egomane (wie Roger Schawinski (CH)), sondern in allen seinen Gesprächen demütiger Schüler des Lebens und intelligentes Gegenüber bleibt.

Mit diesem Buch ist Teuwsen Schweizer geworden: eine knappe, schnörkellose, bescheidene Sammlung von Meisterstücken, die nicht mit den grossen Namen, sondern den Perlen der Einsicht in das Menschsein glänzt und das allen folgenden Interviewern deutscher Zunge stolz zuruft: "Machs na!"

PS: Ein kleiner Wermutstropfen: Herr Teuwsen kennt den Koran besser als die Bibel, der er - wie oft anständige Atheisten - süsslichen Schwachsinn unterstellt.

Samstag, 12. September 2009

Blogger! Helft den "drei Tellen": Levrat, Hayek, Blocher

Nicolas Hayek, der "Retter der Uhrenindustrie", Unternehmer und prinzipienfester Eidgenoss hat sich mit den Klassenfeinden von 1919 verbunden und will in der grossen Frage der Bankenregulierung eine pragmatische, eidgenössische Lösung, die als Fanal dem Bankenplatz der Schweiz eine erneuerte moralische Glaubwürdigkeit geben kann.

Christoph Blocher, kombatanter Oberst (Besetzung der Sechseläute-Wiese anno 1992!), harnäckiger Patriot (Kämpfer für die Unabhängigkeit der Schweiz) und erfolgreicher Unternehmer in einem Randgebiet, Vordenker jener ländlichen Protestanten, die 1919 mit dem Wirtschaftsfreisinn ("Liberale") nicht mehr einverstanden waren (Bauern- und Gewerbe- und Bürgerpartei.

Christian Levrat, charismatischer Frontmann einer erneurungswilligen Sozialdemokratie, die an Robert Grimm anschliessen möchte, der 1919 als Führer des Landesstreiks im Gefängnis büsste und dann die Sozialdemokratie in die Landesregierung führte.

Diese drei Männer symbolisieren den grösstmöglichen Konsens der Willensnation. Die Blogosphäre der Schweiz, kann nun ihre Effizienz beweisen, indem sie in kürzester Zeit den Support für die mutige und weitsichtige Initiative der drei Tellen organisiert. Wer willens ist, für die "drei Tellen" realen Support durch Unterschritensammlung zu leisten, trage sich unten im Kommentar mit seiner Email-Adresse ein.

Der Uertner und "Nebelspalter", Giorgio Girardet

Donnerstag, 10. September 2009

„Ein Berner von reinstem Korn“ und das Offiziersfest von Langenthal 1822

Aufklärungsritt in den Untergang des Alten Berns

Grauholz, Nacht vom 4. auf den 5. März 1798. Am Lagerfeuer der bernische General Karl Ludwig von Erlach, der zurückgetretene Schultheiss Niklaus Friedrich von Steiger und einige Stabsoffiziere. Da tritt in die gespenstische Szenerie des letzten altbernischen Biwakfeuers ein Jegenstorfer und übergibt einen Brief an den Oberbefehlshaber. Das Missiv wird laut verlesen. Erlach solle seine Armee nehmen und dem Feind entgegenführen. Erlach will aber die Grauholzstellung halten und schimpft über den Lumpenzettel. Der Jegenstorfer denkt, der General sei ein Verräter und zieht die Pistole, um ihn zu erschiessen. Da fällt der siebenundzwanzigjährige Aide-decamp Rudolf Effinger von Wildegg dem Attentäter in den Arm, zerreisst sich den Handschuh und rettet den General.
Kaum dieser akuten Gefahr entronnen, hört Erlach den Kanonedonner von Fraubrunnen her und erteilt in den verbindlichen Worten des 18. Jahrhunderts dem gut berittenen Effinger den letzten Aufklärungsauftrag des Alten Bern:

"Mon cher Effinger, vous qui etes bien montés, faites-moi le plaisir d'aller voir ce qui se passe par-là."
(Vivat, Seite 345)

Effinger wurde von den Franzosen gefangen, als Geisel - er war immerhin Schwiegersohn eines bernischen Schultheissen - nach Besançon verschleppt, schliesslich entlassen. Wenn aber die Franzosen, die damals der Schweiz gewaltsam eine Verfassung aufnötigten, über die sie keine Abstimmung wagten, weil sie das Ergebnis vorhersehen konnten, geglaubt haben sollten, Effingers Willen gebrochen zu haben, irrten sie sich. Nur dass die Methode, dass jeder Kanton sich für sich totschlagen liess, wie Goethe sagte, Bern für sich und Schwyz für sich und Nidwalden für sich, dass diese Methode nicht mehr à jour war, dass es einer allgemeinen, eben schweizerischen Anstrengung bedurfte, um die Freiheit wieder zu gewinnen und zu behaupten, das allerdings sah damals jedermann.

Als 1801 der Friede von Lunéville das Selbstbestimmungsrecht der Schweiz wieder ins Völkervertragsrecht einführte, liess die helvetische Regierung über die zweite Verfassung nun wirklich abstimmen, um eine bessere Grundlage für die eigene Macht nach dem Abzug der Franzosen zu haben. Und was ergab sich? Schauen wir auf den Distrikt Langenthal- hier sind wir ja - und auf die ganze Helvetische Republik. Im Distrikt LangenthaI wurde die Verfassung mit 1 '840 zu 464 Stimmen verworfen. Daraus machte der Kleine Rat der Helvetischen Republik eine Annahme von 2'914 zu 1 '840 Stimmen, indem er einfach die Nichtstimmenden zu "stillschweigend Annehmenden" ernannte! Das Entsprechende geschah auf der gesamtschweizerischen Ebene: Aus 92'423 Nein gegen 72'453 Ja mach 239'625 Ja gegen 92'423 Nein!

Rudolf Effinger leistet Napoleon Widerstand

Das war nun dem bisher relativ geduldigen Schweizer Volk zu viel und nach dem Abzug der französischen Truppen fegte ein Volksaufstand das diskreditierte helvetische System weg. An der Spitze dieses Aufstandes, der mit dem irreführenden Namen Stecklikrieg mehr verharmlost als charakterisiert wird, stand in der entscheidenden Phase politisch Alois Reding und militärisch Rudolf Effinger!

Der Schaden, den seine Kanone - es war nur eine - in Bern anrichtete, kann an einer Fassade vis-a-vis der Untertorbrücke in der Bundesstadt noch betrachtet werden. Die Erinnerung an '1802 ist andernorts ziemlich verblasst, das kleine Denkmal auf dem Renggpass zwischen Hergiswil und Alpnach, ein Ex Vota in Unterschächen und die erbeutete helvetische Fahne im Bundesbriefmuseum in Schwyz sind Ausnahmen von der Regel.
Nun wollte ja Napoleon Bonaparte 1802 keine selbst konstituierte Schweiz sondern eine unter französischer Vorherrschaft, deshalb schickte er erneut Truppen und diktierte die Mediation. Er diktierte sie klug, sie schuf sechs neue gleichberechtigte Kantone, das Datum 1803 steht zu Recht im Ständeratssaal. Und doch war es ein Diktat und für viele, nicht zuletzt für Konservative, war deshalb Effinger ein Symbol des Widerstandes.

Polyvalente Symbolfigur des Offiziersfests

Das Diktat des Korsen war weltgeschichtlich von dramatischen Folgen. Über Effinger vor Bern schrieb die Londoner Times. Georg III., der damals mit Frankreich im Frieden lebte, verlangte: "Switzerland shall be evacuated by the Frenchforces." Es war eine von sechs Forderungen, als alle nicht erfüllt wurden, erklärte Grossbritannien Frankreich einen Krieg, den es nach Irrungen und Wirrungen 1815 bei Waterloo definitiv für sich entschied.

Der Sieger von Waterloo, der Herzog von Wellington, war einer der Unterzeichner der Anerkennung der Schweizer Neutralität durch die Mächte.
Im Zeichen der konservativen, durch Bundesvertrag und Neutralität bestimmten, Ordnung von 1815 genoss Rudolf von Effinger trotz seiner allerdings wenig rühmlichen Rolle bei der Unterdrückung des Oberländer Aufstandes 1814 eine bedeutende Popularität.

Als Mitglied des patrizischen Establishments und Oberbefehlshaber der Berner Truppen konnte er sich eine Reformfreudigkeit leisten, welche damals nicht in Mode war.
Effinger holte den Käse von den Alpen ins Tal. 1815 richtete er in Kiesen die erste Talkäserei ein, die zweite entstand hier im Oberaargau, in Wangen an der Aare 1822, als er Oberamtmann war und daraus wurden im Kanton Bern bis 1880 600 Betriebe. Irrungen und Wirrungen schildert Gotthelfs "Käserei in der Vehfreude" plastisch. Der Pfarrer von Lützelflüh schildert Effinger als

"in Gesetzen nicht sonderlich bewandert, aber praktisch durch und durch, kurz ein Berner von reinstem Korn".


Wenig später veranlasste Effinger 1824 die Gründung der Ersparniskasse in Wangen an der Aare.
Die Kombination von konservativem Schultheissenschwiegersohn und entschiedenem Beförderer des Fortschritts, verlieh Effinger die einmalige Stellung, welche ihn zum Präsidenten des trotz aller Vorsicht politisch keineswegs unproblematischen Offiziersfestes von Langenthai 1822 prädestinierte. Vielleicht war ja der nominelle Initiant Oberst Karl Rudolf Samuel von Luternau wirklich krank, vielleicht war er politisch krank, vielleicht war er wirklich und politisch krank, jedenfalls passte es fugenlos ins Bild, dass nicht der kranke Luternau sondern der zupackende und gesunde Effinger hier in Langenthal präsidierte.

Fugenlos ins Bild passte auch, dass der Aargau das grösste Offizierskontingent stellte, 180 Mann, gefolgt von Bern mit 153, der Waadt mit 58, Luzern und Solothurn mit je 39. Gemessen an der Bevölkerungszahl mögen die beiden Nidwaldner das stärkste Kontingent gestellt haben. Wie auch immer, die Dynamik einer sich im Militärischen findenden, jungen und erneuerungsfrohen Gesellschaft wird sichtbar, in einer Sache, zu der Männer des Ancien Regime wie Luternau oder Effinger stehen konnten und die heranwachsenden liberalen Köpfe der Eidgenossenschaft wie der hier 1822 anwesende nachmalige Waadtländer Staatsrat und zweimalige Oberbefehlshaber der Schweizer Armee Charles-Jules Guiguer de Prangins.

Traffelets Wandgemälde von 1936 im Hotel Bären


Friedrich Traffelet, der Maler, dem wir die wunderbaren Bilder im "Bären" verdanken, sollte irgendetwas Historisches malen, etwas Langenthalisches. An Pestalozzi dachte er, an andere Ereignisse durchaus auch. Warum wählte er 1822? Hören wir ihn selber, wie er am 24. September 1936 hier spricht:

"Anno 1822, am 18. Juli, het hie z'erschte schwyzerische Offiziersfescht stattgfunde und das Fescht het denzemale i der ganze Schwyz ds gröschten Echo gfunde!
Wohl, das isch es Sujet für ne Maler, hets mi dunkt, und de no für Zyte, wie mir se hüt heil E Zyt, wo me vo allnen Orte här Chriegslärm hört, wo 's eim dunkt, es waggeli alles, was eim tüür und 'heilig isch, wo me dranne hanget! Wo d'Parteien alli uf enanderi Syte schrysse, wo me mängisch ds Gfüehl überchunnt, und gwüss mit Rächt, d'Armee syg no der beseht und einzig Chitt, wo z'Volk z'säme het!"
(Langenthaler Heimatblätter, 1937, Seite 8)


Initialzündung der „Regeneration“?

Aus Langenthai 1822 wuchs das Schützenfest von Aarau 1824 mit heraus und eine ganze Folge von Festen als deren abschliessendes, trotz der Tragik des Sonderbundskrieges, ohne Zweifel das Bankett zur Annahme der Bundesverfassung von 1848 im Berner Hotel de Musique gelten kann.

Seither, aber wirklich erst seither, gilt die Schweiz weltweit als Insel der Stabilität. Nie haben wir mehr als vier Bundesräte in einem Jahr ausgewechselt, genau genommen haben wir seit 1848 keinen neuen Bundesrat mehr erlebt, nur oft einen erneuerten Bundesrat. Wir können also im Rückblick dankbar konstatieren, dass Langenthal 1822 wahrgemacht hat, was eine St. Galler Zeitung damals als Hoffnung aussprach:

"Möge Langenthal das Grütli des 19. Jahrhunderts werden!"


Peroratio

Was von Langenthal 2009 ausgehen wird, muss die Zukunft weisen. Ich bin hoffnungsfroh, wenn ich in die Runde blicke. Den Grund dieser Zuversicht muss ich nicht weit suchen, denn dieser Grund, das sind Sie.
Sie bieten Gewähr für die bleibende Wirklichkeit des von Edi Engelberger, Hans Schatzmann und Hannes Schneider-Ammann in der aktuellen Einladung wieder aufgegriffenen Mottos:

"Alles, was sie wollten, waren Schweizer stets durch Einigkeit."

Jürg Stüssi-Lauterburg, August 2009

Der vorliegende Text ist mit Einwilligung des Autors der Pressemappe für den Anlass vom 21. August 2009 entnommen worden. Einzig die Anrede und Schlussdank wurden abgetrennt. Titel und Zwischentitel wurden vom Bloginhaber gesetzt.

Jürg Stüssi-Lauterburg, ist promovierter Historiker und Direktor der „Bibliothek am Guisanplatz“ (ehem. Militärbibliothek). Er hat eine Unzahl von Vorträgen und Monographien verfasst und schreibt für die „Weltwoche“.

Bettagsmandat 1862 (abgelehnt) von Gottfried Keller


Gottfried Keller, seit 1861 Staatsschreiber des Kantons Zürich, verfasste als Atheist - ein vom der Kantonsregierung abgelehntes - Bettagsmandat für das Jahr 1862. Damals war die Emanzipation der Juden aktuell.

"Mitbürger! Wir heißen auch heute die Pflicht willkommen, welche uns auferlegt, beim Herannahen des eidgenössischen Bettages ein getreuliches Wort an Euch zu richten. Als die Eidgenossen diesen Tag einsetzten, taten sie es wohl nicht in der Meinung, einen Gott anzurufen, der sie vor andern Völkern begünstigen und in Recht und Unrecht, in Weisheit und Torheit beschützen solle; und wenn sie auch, wo er es dennoch getan, in erkenntnisreicher Demut für die gewaltete Gnade dankten, so machten sie um so mehr diesen Tag zu ihrem Gewissenstag, an welchem sie das Einzelne und Vergängliche dem Unendlichen und ihr Gewissen, das in allen weltlichen Verhandlungen so oft durch Rücksichten des nächsten Bedürfnisses, der scheinbaren Zweckmäßigkeit, der Parteiklugheit befangen und getäuscht wird, dem Ewigen und Unbestechlichen gegenüberstellen wollten.
Mitbürger! Wenn in ernster Feierstunde sich jeder von Euch fragen wird: Welches ist mein innerer und sittlicher Wert als einzelner Mann, welches ist der Wert der Familie, welcher ich vorstehe? so stellt er sich diese Fragen, zum Unterschied von den übrigen Festtagen unserer Kirche, vorzugsweise mit Beziehung auf das Vaterland und fragt sich: Habe ich mich und mein Haus so geführt, daß ich imstande bin, dem Ganzen zum Nutzen und zur bescheidenen Zierde zu gereichen, und zwar nicht in den Augen der unwissenden Welt, sondern in den Augen des höchsten Richters? Und wenn sodann alle zusammen sich fragen. Wie stehen wir heute da als Volk vor den Völkern und wie haben wir das Gut verwaltet, das uns gegeben wurde? so dürfen wir nicht mit eitlem Selbstruhm vor den Herrn aller Völker treten, der alles Unzureichende durchschaut und das Glück von ehrlicher Mühewaltung, das Wesen vom Schein zu unterscheiden versteht.
Zwar ist unserm Volke neulich Ehre geworden bei edlen und großen Völkern, welche das zu erringen trachten, was wir besitzen, und unsere Absendlinge als Beispiele und Lehrer in den Hantierungen nationalen Lebens gepriesen haben, und erleuchtete Staatsgelehrte weisen schon allerwärts auf unsere Einrichtungen und Gebräuche als auf ein Vorbild hin. Aber wenn auch, wie einer unserer Redner am frohen Volksfeste es aussprach, der große Baumeister der Geschichte in unserem Bundesstaate nicht sowohl ein vollgültiges Muster als einen Versuch im kleinen, gleichsam ein kleines Baumodell aufgestellt hat, so kann derselbe Meister das Modell wieder zerschlagen, sobald es ihm nicht mehr gefällt, sobald es seinem großen Plane nicht entspricht.
Und es würde ihm nicht mehr entsprechen von der Stunde an, da wir nicht mehr mit männlichem Ernste vorwärts streben, unerprobte Entschlüsse schon für Taten halten und für jede mühelose Kraftäußerung in Worten uns mit einem Freudenfeste belohnen wollten...
Was unsere kantonale Gesetzgebung betrifft, so dürfte es hier der Ort sein, eines kurzen aber vielleicht folgennahen Gesetzes zu erwähnen, welches seit dem letzten Bettage geschaffen wurde. Der von Euch erwählte Große Rat, liebe Mitbürger, hat mit einigen wenigen Paragraphen das seit Jahrtausenden geächtete Volk der Juden für unsern Kanton seiner alten Schranken entbunden, und wir haben keine Stimmen vernommen, die sich aus Eurer Mitte dagegen erhoben hätten. Ihr habt Euch dadurch selbst geehrt, und Ihr dürft mit diesem Gesetze, das ebensosehr von der Menschenliebe wie aus Gründen der äußern Politik endlich geboten war, am kommenden Bettage getrost vor den Gott der Liebe und der Versöhnung treten. An Euch wird es sodann sein, das geschriebene Gesetz zu einer fruchtbringenden lebendigen Wahrheit zu machen, indem Ihr den Entfremdeten und Verfolgten auch im gesellschaftlichen Verkehr freundlich entgegengehet und ihrem guten Willen, wo sie solchen zeigen, behilflich seid, ein neues bürgerliches Leben zu beginnen. Was der verjährten Verfolgung und Verachtung nicht gelang, wird der Liebe gelingen; die Starrheit dieses Volkes in Sitten und Anschauungen wird sich lösen, seine Schwächen werden sich in nützliche Fähigkeiten, seine mannigfaltigen Begabungen in Tugenden verwandeln, und Ihr werdet eines Tages das Land bereichert haben, anstatt es zu schädigen, wie blinder Verfolgungsgeist es wähnt...
Möge am 21. Herbstmonat unsere Landeskirche in ihren einfachen Räumen ein einfach frornmes, hell gesinntes Volk vereinen! Möge aber auch der nicht kirchlich gesinnte Bürger im Gebrauche seiner Gewissensfreiheit nicht in unruhiger Zerstreuung diesen Tag durchleben, sondern mit stiller Sammlung dem Vaterlande seine Achtung beweisen."


Aus Gottfried Kellers "Bettagsmandaten" 1862 - 1872
(nach der Ausgabe von R.Faesi; Zürich 1951)

Der Text der übrigen Bettagsmandate Gottfried Kellers kann hier als Text-Dokument eingesehen werden.

Donnerstag, 27. August 2009

Willensnation als Sezession?



Haus der Sezession in Wien

Dieser Blog figuriert auf Platz zwei der „google-Suche“ nach dem Begriff „Willensnation“, gleich nach dem Wikipedia-Lemma. Auf den Fersen folgt uns die „blogwiese“, der Blog des „Berufsschweizers“ Jens Wiese vor dem Blog einer Zürcher „Public Affair“-Agentur. Diese prominente Stellung, die ich mir nicht abschliessend erklären kann (vielleicht hat einer der Leser eine Idee, wie so etwas zu Stande kommen kann?), will ich nutzen. Schon vor dem Buch von alt Bundesrat Kaspar Villiger „Eine Willensnation muss wollen“, war dieser Blog unter den ersten zehn. Durch die Buchpublikation des Bundesrates wurde er temporär wieder nach hinten gespült, um dann wie ein Korkzapfen wieder auf Platz zwei zu schnellen.

Ansporn. Diese Position spornt mich an, den Blog zu öffnen für relevante Texte anderer Autorinnen oder Autoren, die nirgends sonst im Netz publiziert sind, oder in diesem Kontext eine zusätzliche „Sichtbarkeit“ erhalten können. Dabei will ich aber den thematischen Schwerpunkten, die ich für diesen Blog definierte, treu bleiben.

Forscher (Studierende der Geschichte, Sprachwissenschaften, Rechtsgeschichte etc.), Autoren, Journalisten und Blogger, die Texte haben, die sie hier einstellen oder verlinken möchten, können solche mir gerne anzeigen. Massgebend bleibt der oben zitierte thematische und historische Fokus. Zweitens sind mir alle Texte willkommen, die „unzeitgemäss“ sind, das heisst ausserhalb des publizistischen „mainstreams“ liegen, der sich leider auch in der Blogosphäre durchzusetzen scheint. Ein hohes Ziele wäre es, diesen Blog zum Hort jener „Sezession“ zu machen, die das liberale Urgestein Max Frenkel kürzlich in der „Weltwoche“ anmahnte und ich möchte hier die als erster Post eingefügte Predigt Jeremias Gotthelfs aus seinem letzten Roman „Zeitgeist und Berner Geist“ wieder in Erinnerung rufen.

Weiterhin soll der Blog auch das Archiv meiner einschlägigen journalistischen Arbeiten sein.
Ausgearbeitete Texte können an

willensnation(at)uerte.ch

gesandt werden.

Mittwoch, 26. August 2009

Langentahl, "Das Rütli des 19.Jahrhunderts": und 2009?

Mythos. Einen Sommer lang verfolgten wir das Reduit-Leben als „Getrennte Liebe - gemeinsamer Kampf“. In dieser Woche werden nun 8000 AdAs im Rahmen der Übung „Protector“ in die besonders armeekritische Nordwestschweiz einfallen. Und nun am vergangenen Freitag dieser Langenthaler Gedenkanlass: ein neuer Mythos, aus dem die von Sparmassnahmen zusammenkartätschte, NATO-taugliche „Armada Svizra XXI“ wie ein Phönix zum alten Massenheer erstehen soll? Anno 1822 versammelten sich die Offiziere der Kantonalkontingente in Langenthal um die „eidsgenössische Waffenbrüderschaft“ zu stärken, damit nie wieder die Katastrophe von 1798 über sie hereinbrechen möge. Aus dem Langenthaler Offiziersfest, einem eidgenössischen „botellon“ und „neuen Rütli“, wuchs jener radikal-liberale Geist, der über das eidgenössische Schützenfest von 1824, die Regeneration der 1830er Jahre und den Sonderbundskrieg 1847 zum Bundesstaat 1848 führte: dem Sonderfall.

Standortmarketing. Spiritus rector des Anlasses war FDP-Nationalrat, Oberst aD eines Geb Inf Reg und Patron der Langenthaler Ammann-Gruppe, Johann-Niklaus Schneider-Ammann. Der Bankenplatz (swissbanking) und der Schweizerische Gewerbeverband unterstützten den Anlass ebenso, wie die Schweizerische Offiziersgesellschaft, SBB und das VBS. Im „Sicherheitspolititschen Forum“ im vollbesetzten Stadttheater erntete Pius Segmüller (NR CVP, Lu), ehemaliger Kommandant der Schweizergarde, einigen Szenenapplaus, Barbara Häring (SP) erklärte ihren Stolz über „jedeN Schweizer SoldatIn im Ausland“ und plädierte für die Waffe im Zeughaus (kurzer Applausversuch). Das emotional-pathetische Bekenntnis des Verwaltungsratspräsidenten der „Swiss Life“, Oberst Rolf Dörig zum Milizwesen, konnte dieser kaum mit signifikantem Zahlenmaterial zu AdAs - geschweige denn Milizkadern - im Zürcher Finanzkonzern untermauern. Da war der schlohweisse Nidwaldner Nationalrat Edi Engelberger als Gewerbepräsident mit seinem Pathos für die Armee als „Führungsakademie der KMUs“ glaubwürdiger: er verzichtete wohlweislich auf Zahlenspiele.

Vorderladersalve. Auf dem Marktplatz wurden dann 5000 Münder zur Speisung mit dem eigens für den Anlass kreierten „Langenthaler Armeetopf“ erwartet. Die Stadtmusik Langenthal spielte den „Berner Marsch“. Nach einer Vorderladersalve sprach Bundesrat Maurer. Er wandte sich an das „heimliche Rückgrat“ der Armee: Die Frauen. Der sechsfache Vater gestand, dass er gerne die Armee verdoppelte und noch „acht Radfahrerbataillone dazu“ schüfe (Gelächter), aber die Demografie - mehr noch als der Spardruck und Expertenberichte - binde ihm die Hände. Bundesrat Maurer zog den Bestseller des libanesischen Finanzmathematikers Nassim Nicholas Taleb „Der schwarze Schwan“ heran, um dem Publikum zu erläutern, was die „beste Armee der Welt“ leisten müsse: eine glaubwürdige Antwort auch auf „höchst unwahrscheinliche Ereignisse“. Wäre Maurer ein Rockstar, er hätte eine Zugabe geben müssen. Als eidgenössischer Bundesrat, erwartet er wohl nach dem Applaus Taten. Dass solche folgen, erachten die Blätter der Zürcher Tamedia als „höchst unwahrscheinliches Ereignis“. 2'500 Münder (so die Veranstalter) beugten sich über den „Langenthaler Militärtopf“. 1822 sollen 7'000 Menschen am vaterländischen botellon gewesen sein. In die Asche des Milizwesens wurde heftig gepustet: Ob die „eidsgenössische Waffenbrüderschaft“ noch vor dem nächsten „schwarzen Schwan“ wiederersteht? Immerhin glänzt eine Messingtafel mehr im Vaterland. Wie endete der Feldprediger? „Amen. Nationalhymne!“

Mittwoch, 22. Juli 2009

USA und Eidgenossenschaft: "sister republics"


Die Fotomontage zeigt die Aussenministerinnen der Schweiz (Michelline Calmy-Rey) und der USA (Hillary Clinton), der beiden "sister Republics" anlässlich eines Treffens in Genf im Zusammenhang mit den Verhandlungen um die Beilegung des Bankenstreits. Im Hintergrund sieht man die grosse Karikatur des Nebelspalters zur Vertragsunterzeichnung des Staatsvertrags von 1891, der kriegerische Handlungen zwischen der Schweiz und den USA ausschloss. Damals wurde dies wohl zu Recht als grosses Vorbild für die europäischen Staaten gefeiert, welche bekannterweise von solchen Verträgen damals nichts wissen wollten. Schön zeigt die Montage aber, den Weg, den die Frauen beider Nationen zurückgelegt haben: von blossen Allegorien zu Ministerinnen aus Fleisch und Blut.

1991, zur 700-Jahrfeier des Bundes, erinnerte sich ein amerikanischer Bibliothekar an die Sonderbeziehung zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und den Vereinigten Staaten von Amerika und stellte ein Ausstellung zum Thema zusammen, die dann auch in der Schweiz gezeigt wurde.

Die innigen Beziehungen zwischen den calvinistischen USA und der Schweiz begannen im Vorfeld der Unabhängigkeitserklärung der USA 1776, als George Washington als "Wilhelm Tell" Amerikas gefeiert wurde, sie setzten sich fort in der Ausarbeitung der amerikanischen Bundesverfassung nach dem Studium derjenigen der Alten Eidgenossenschaft als Muster und in der Übernahme der Prinzipien der amerikanischen Verfassung in die Bundesverfassung der Eidgenossenschaft von 1848 und erreichten einen neuen Höhepunkt in der Schlichtung der Alabama-Frage zwischen den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich in den 1870er Jahre in Genf. Gekrönt wurde diese Sonderbeziehung durch die Wahl der Stadt Genf als Sitz für den "Völkerbund" 1919.