Samstag, 1. Oktober 2011

Schweizerspiegel: Ein Held der Freiheit

"NZZ"-Chef predigt in Zürich

Die Kirche Neumünster könnte mit ihrem pompösen Klassizismus auch den Calvinisten Neuenglands dienen. Das Zürcher Englischviertel kündet in Sandsteinvillen von den Grosstaten der Gründerjahre. Und genau hier entwickelte Markus Spillmann, Chefredaktor derNeuen Zürcher Zeitung, im Abendglanz des eidgenössischen Bettags seine Gedanken.
Der brillante Leitartikler und weit gereiste Sicherheitsexperte sprach zum Thema Freiheit. Er begann mit dem gefühlten Unterschied zwischen den Überwachungskameras Grossbritanniens in der Liverpool-Station in London und jenen in dem Tiananmen-Platz in Peking. Hier der demokratische Rechtsstaat, der die Sicherheit seiner Bürger gewährleistet. Dort der diktatorische Machtstaat, der dem Genossen mit Misstrauen begegnet. Mit diesem Beispiel will er seine Definition von Freiheit erklären. Dass Markus Spillmann dies tut, ist der Hartnäckigkeit einer tauben Dienerin am göttlichen Wort zu verdanken, der Pfarrerin Katrin Müller.

"Freiheit" habe etymologisch einen intimen, innigen Kern und sei nicht nur Rechtsbegriff. Sie habe jedoch ihre Grenzen, zei zugleich Verpflichtung, Würde, Mahnung und Verantwortung. Spillmann wählte eine Kampagne der Stadtverwaltung Zürichs zur Auslegung: "Erlaubt ist, was nicht stört". Möglichst wenig soll verboten sein - vor allem in der Finanzwelt wird er später während des Apéros präzisieren. Der NZZ-Chef appelliert an die Vernunft des Menschen: der Rahmen müsse so gestaltet sein, dass dieser nicht breche.

Ein Bettagslied umrahmte die Predigt in der Kirche Neumünster, die im Quartier steht, wo der Chefredaktor wohnt und heimisch ist. Und es klang so schön:
Beschirm uns, Gott, bleib unser Hort
erhalt uns durch dein gnädig Wort
und sichre Freiheit, Fried und Recht
uns und dem spätesten Geschlecht.
Herrlich, wie das alles zusammenpasste!

Beim Abendmahl blieb der getaufte, aber nur bedingt gläubige Protestant Spillmann sitzen. Man wunderte sich kurz - um dann zu schlussfolgern: So frei fühlt sich offenbar einer der wichtigsten Journalisten des Landes unter Christen! So frei, dass er es wagt, der Tradition von deren Freiheits-Sakrament zu brechen - allein aus Respekt vor ihrem Glauben. Wahrlich, der Mann ist ein Held der Freiheit!
LinkGIORGIO GIRARDET

(Erschienen in der "Zeit" (Schweiz) vom 22. September 2011)

Kommentare:

Thomas Läubli hat gesagt…

Es ist leider so: Markus Spillmann hat im Gegensatz zu seinem geschätzten Vorgänger absolut keine Kultur - typisch Rechtsfreisinn. Das merkt man unter anderem daran, dass im Feuilleton immer mehr überflüssiger Quatsch abgedruckt wird.

uertner hat gesagt…

Lieber Läubli, ich verstehe nicht ganz, wo der Zusammenhang zwischen dem Artikel und der von Ihnen diagnostizierten "Kulturlosigkeit" des NZZ-Chefredaktors liegen soll. Denn es handelte sich um einen religiösen und nicht um einen "kulturellen" Anlass und Herr Spillmann hat sich selbst im religiösen Rahmen (mit dem er Mühe hat, wie er selbst zugab) äusserst "kultiviert" aufgeführt. Die Nicht-Teilnahme am Abendmahl ist seit der Französischen Revolution kein Politikum mehr sondern einen freie Gewissensentscheidung. Die auch einigen Mut erfordern kann, was wir hier registriert haben.