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Sonntag, 9. September 2012

Wider die "demoskopisch-reformierte" Kirche Zürich


 Ausschnitt aus dem "Zwingli-Portal" an der Südseite des Zürcher Grossmünsters

 „Denn Gott hat uns nicht den Geist
der Verzagtheit gegeben,
sondern der Kraft und der Liebe
und der Besonnenheit“
2. Timotheus 1, 7

„DER HERR BESCHIRMPT SIN KILCHEN“ so steht es am Grossmünstertor oben rechts am rechten Flügel des „Zwingli-Portals“  seit dem 1. Januar 1939 in Erz gegossen. Lange Zeit krönte Zwinglis zuversichtliches Motto der Zürcher Landeskirche Schriftverkehr. Nun verzichtet man seit einigen Jahren darauf. 
Das ist ehrlicher. 
Unsere gegenwärtige Kirche lebt und west unter dem Schirm von Umfragewerten, soziologischen Expertisen und krausem Ökonomensprech. Diesen Eindruck gewinne ich, wenn ich die Basler „Vision 15“ und die Zürcher Rechtfertigung zur geplanten Fusionswelle in Zürich und Agglomeration lese. Dass nur noch Gemeinden mit 5000 zahlenden Mitgliedern lebensfähig sein sollen, wird uns da weisgemacht. Diese Kirchenleitungen haben wohl einen anderen Herrn, als der, von welchem im Evangelium geschrieben steht: „wo zwei  oder drei in meinem Namen versammelt sind, …“ (Mt  18,20). Es geht um mehr als blosse Religionsfragen, es geht um die kleinräumige Struktur unserer Zürcher Heimat. 

Als 1831 die Gemeindeautonomie im Kanton Zürich verankert wurde, war es den 260 Dänikern ein heiliges Anliegen, sich mit Ihrer alten Zivilgemeinde aus der Kirchgemeinde „Dällikon-Dänikon“ herauszulösen und - wie in der "Franzosenzeit" eine Munizipalgemeinde - eine eigene politische Gemeinde zu werden. 1833 stellten sie das Gesuch, 1843 drangen sie durch, 1865 hatten sie aus eigenen Mitteln Spritze und Spritzenhaus finanziert, ab 1876 ihre eigene Schule! Männer mit Schnauz! 

Und unsere heutigen Kirchenstrategen? Wir sollen nur noch mit Segen von Zwinglis Nachfolger „Gemeinde“ sein dürfen, wenn 5000 getaufte, willige Schäfchen ihr "bereit" zur Kirchensteuer blöken? Wo bleibt, da der „gute Hirte“, der die 99 Schafe stehen lässt (Lk. 15), um dem 100. entlaufenen Schäfchen nachzusteigen? Solches Herdenmanagement unserer Kirchenführer erinnert eher an den „gerissenen“ (Zürcher, 2007), oder eben vielleicht doch „unehrlichen“ (Luther) Ökonomen („Verwalter“) (Lk. 16). Auch sie leben wohl in „Partnerschaft“ mit den Subakkordanten der Zeit:  mit akademischen Erbsenzählern, Futurologen und Managementberatern. Als 1938 Zwinglis Motto in der Glockenfabrik Rüetschi in Aarau in Erz gegossen wurde, gründete Hitler sein 1000jähriges Reich, Synagogen brannten und bekennende Christen wurden verfolgt. Trotzdem wuchs in jener Epoche  der Anteil der Reformierten in der Zürcher Bevölkerung. 

Die Kirchgemeinde Dällikon-Dänikon aber soll im Jahre des Herrn 2012 mit 1‘821 zahlenden Mitgliedern nicht mehr lebensfähig sein? Reformiert Bubikon mit „nur“ 3‘045 Kirchenmitgliedern ein Fusionskandidat? Sollten unsere zeitgenössischen Kirchenlenker dereinst im Himmel auf einen einzigen Däniker Feuerwehrmann der "guten alten Zeit" treffen: dieser wird ob ihrem verzagten Kleinmut  in ewiges homerisches Gelächter ausbrechen.

Diese Kolumne wurde von der Redaktion der "reformierten presse"  abgelehnt und dann im Vorfeld der Zürcher Kirchenpflege-Tagung vom 8. September auf der Home-Page der reformierten Kirchegemeinde Bubikon freigeschaltet, wo sie eifrig gelesen wurde. Am Mittag des 9. Septembers wurde die Kolumne durch die Predigt von Pfr. Thomas Muggli zum  Thema ersetzt.

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Handreichung zur Kirche für Journalisten

Liebe Kollegen, die ihr über die Schweizer Christen schreibet. Vermeidet den Unsinn, von der "Schweizer Kirche" zu schreiben und nur die Papstkirche zu meinen. Merkt auf! Dreierlei christliche Konfessionen kennt die Schweiz: die römisch-katholische (A: seit 325), die evangelisch-reformierte (B: seit 1523) und die christkatholische (C: seit 1873). Nur A anerkennt den Papst, nur A und C haben Bischöfe. Die Bischöfe von A sind in der Schweizerischen Bischofskonferenz zusammengefasst. Für C reicht ein Bischof für die ganze Schweiz. Die Landeskirchen (Kantone) von B sind föderal organisiert im SEK, "Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund", und haben eine Art siebenköpfigen "Bundesrat" mit Frauenmehrheit (!) und einem Präsidenten, der bleibt. Es ist derzeit Gottfried Locher, und wenn er sich "Bischof" von B nennt, dann will er provozieren! Der Sprecher der Bischofskonferenz ist Abt Martin (twitter!) von iSiedeln. Die Gurus von A heissen Priester, werden geweiht, dürfen weder Frauen sein noch welche heiraten.
In C dürfen auch Frauen Priesterweihe erhalten (geiles Thema!). In B werden die Orts-Gurus Pfarrer genannt, sie dürfen auch Frauen sein und auch heiraten. Sie werden nicht geweiht, sondern ordiniert (zu VDM = Verbi Divini Minister) durch die Landeskirchenleitung und dann installiert durch den Dekan ("Bezirksoberpfarrer", Leiter des Pfarrkapitels) nach Wahl durch die Kirchgemeinde. Alle diese Kirchen, die als öffentlichrechtliche Körperschaften nach Schweizer Staatskirchenrecht verfasst sind, haben demokratische Strukturen. A findet das nicht lustig. Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat ist in jedem Kanton unterschiedlich geregelt. Das einzige Verbindende der drei Kirchen ist die Bibel und die gemeinsame Feier des eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettages seit 1832. Denn A und C feiern die Messe mit Eucharistiefeier (Hostie, Oblate), B feiert Gottesdienst manchmal mit Abendmahl (Toastbrot mit Traubensaft). Dies das Wichtigste. Haltet diese Lehren in Ehren. Studiert sie immer, bevor ihr zu Kirchlichem schreibt, auf dass eure Ignoranz verborgen bleibt.

Gedruckt in "reformierte presse"Nr. 48 2.12.2011 (online ref.ch)

Dienstag, 25. Oktober 2011

#occupyparadeplaz in der reformierten presse

Liebe Besetzer des Lindenhofs, folgende Kolumne erschien am vergangenen Freitag, den 21. Oktober in der "reformierten presse", dem Organ, das alle Pfärrer, Kirchenpfleger, Kirchenleitungen und Angestellten der reformierten Landeskirchen (in allen Kantonen) der Schweiz zu sehen bekommen.
Hier im Blog ist auch die in der Kolumne erwähnte Karte beigefügt. Damit es alle sehen und lesen und nachvollziehen können. Zürich ist die Wiege der Reformation, wo der "Geist des Kapitalismus" (Max Weber) flügge wurde. Vielleicht kann hier aus den Aschen des alten Finanzplatzes ein neuer Phönix auferstehen.

Die Spitze von Manhatten 1703, einst "Neu-Amsterdam" dann "New York" mit der Wall-Street






Seit letztem Wochenende wird auch in Zürich demonstriert. Eine ältere Frau, die am Fusse des Bachtels vor allem der Kontemplation lebt, ist auch aufgebrochen und hat sich unter die demonstrierende Jugend gemischt. Ein grosser Umbruch sei im Gange, beschied sie mir. Ist Religion doch kein Opium, wenn diese Frau die Klause der Kontemplation verlässt und sich unter die Jugend mischt? Ist es Abrahams alter Ur-Durst nach Gerechtigkeit, der sich hier Bahn bricht und über den Atlantik wieder nach Zürich zurückbrandet? „Wall-Street“ ist zur Chiffre für das börsentechnische Babel geronnen. Die „Märkte“ sind der Moloch unserer Tage. Die „unsichtbare Hand“ - von Adam Smith als gütige Linke des Schöpfers gedacht - ist zur scheffelnden Schaufel ruchloser Gierhälse verkommen. Was sagen wir Reformierte dazu? Steht hier nicht die jüdisch-christliche Tradition des „Guten Hirten“ auf dem Spiel? Dieser in gefestigtem Gottvertrauen vorausschauende, gerechte Hüter und Heger, der auf dem Fünfliber prangt. Er ist umgeben von den 13 Sternen der 13 Orte der Alten Eidgenossenschaft und dem der Vulgata entnommenen Motto: „Dominus providebit“. Diesem Ethos des Guten Hirten dankt Wall-Street ihren Aufstieg zum Nabel des Finanzvertrauens. Im historischen Atlas von New York (Henry Holt&Company, 1994) ist auf Seite 40 ein Plan von New York um 1703 zu sehen. Wir sehen da, das geistliche Fundament der heutigen „Wall-Street“. Da lag südlich die „Old Dutch Church“ (Calvinisten), Richtung Broadway das „Presbyterian Meeting House“ (Calvinisten) am Broadway neben der Trinity Church war die „Lutheran Church“, weiter nördlich die „French Church“ (Hugenotten) und noch weiter die „New Dutch Church“ (Calvinisten). Die Wurzeln der „Wall-Street“ liegen also in Zürich, wo 1519 ein Hirtensohn aus dem Toggenburg ausgestattet mit Hirtenherz und -gewissen und dem besten Humanistenwissen seiner Zeit die Kanzel des Grossmünsters bestieg. „Tut um Gottes Willen etwas Tapferes“ Wer hört ihn heute?

Montag, 13. Juni 2011

Heinrich Bullinger: Vater der Reformierten Kirche

Theologe, Historiker und Schriftsteller: Am 18. Juli feiert der Nachfolger Huldrych Zwinglis seinen 500. Geburtstag

Giorgio Girardet

Herkunft und Jugend

Das aargauische Landstädtchen Bremgarten an der Reuss, in dem Bullinger am 18. Juli 1504 als Sohn des Priesters Heinrich Bullinger geboren wurde, hatte sich trotz der Eroberung des Aargaus Vorrechte und stolzen Bürgersinn bewahrt. Zwischen den drei Vororten der Eidgenossenschaft Zürich, Bern und Luzern und der Tagsatzungsstadt Baden gelegen, nahm man hier lebhaften Anteil am politischen Geschehen. In den Wirtschaften des Städtchens prahlten die Veteranen der Burgunderkriege mit ihren Heldentaten, während windige Werbeoffiziere mit der Einwilligung der Tagsatzung junge Männer für die Schlachtfelder Europas anwarben. Diese Eindrücke sammelte der begabte Bremgartner Stadtschüler.

Ein Jahr nach der Schlacht von Marignano (1515) wurde der Zwölfjährige zur Vorbereitung des Studiums nach Emmerrich an den Niederrhein zu den strengen Brüdern vom Gemeinsamen Leben geschickt. Die Brüdergemeinschaft lebte nach der Regel des Heiligen Augustinus, der sich auch der 21 Jahre ältere Martin Luther 1505 als Mönch der Augustinereremiten unterworfen hatte.

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Schriften Luthers, 1519, zog Bullinger rheinaufwärts und bezog die Universität Köln. Hier schloss er sich unter dem Eindruck einer umfassenden humanistischen Bildung und der Lektüre der Kirchenväter und der Reformatoren dem neuen Glauben an. Im Jahr, in dem Zwingli mit der Rechtfertigung des Wurstessens während der Fastenzeit den Reformationsprozess in Zürich lostrat, schloss Bullinger seine Studien als Magister ab und wurde - unter der Bedingung, nicht an der Messe teilnehmen zu müssen - Lateinlehrer an der Klosterschule von Kappel.

Drama der Freiheit

Während in Zürich Huldrych Zwingli die Heiligenbilder aus den Kirchen entfernte, vertiefte sich Bullinger in die römische Geschichte und inszenierte mit seinen Lateinschülern die Sage der Lucretia, in welcher er den Auszug der tugendhaften Römer aus der Königsherrschaft in die Republik mit kräftigen Sätzen gestaltet. Waren nicht auch die frommen Eidgenossen aus der Adelsherrschaft in die Freiheit des Bundes getreten? War nicht jetzt ein grosser Auszug der Gläubigen aus der ägyptischen Gefangenschaft der Papstkirche im Gange?
Bullinger begann, die Geschichte der Eidgenossenschaft als diejenige eines Volkes zu verstehen, das im Bund mit dem Allmächtigen - wie das Volk Israel - seinen Weg geht. War nicht gerade in der durch Solddiensten reich gewordenen Eidgenossenschaft eine Umkehr nötig? Und wenn Gott in so vielen Schlachten den Schweizern beigestanden hatte, war es nicht folgerichtig, dass sich alle Eidgenossen dem neuen Glauben anschlossen?
1525 gab er einen Abriss der Geschichte der Eidgenossenschaft als Kampfschrift in den Druck. Bullinger war zu einem durchaus eigenständigen Verfechter der Reformation Zwinglis geworden. 1528 wurde er Mitglied der Zürcher Kirchensynode und nahm an dem Berner Religionsgespräch (Disputation) teil. Im folgenden Jahr trat er die Pfarrstelle seines Vaters im damals reformierten Bremgarten an.
Eintritt in die Verantwortung


Hier erlebt er die Zuspitzung der Feindschaft zwischen Zürich und den katholischen fünf Orten (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug) in der Religionsfrage. Zwingli suchte eine militärische Entscheidung in der Eidgenossenschaft, bevor sich im Reich eine geschlossene Front gegen die Reformation aufbauen konnte. Kam es im ersten Kappelerkrieg 1529 noch ohne Kriegshandlungen zu einem für die Reformierten nicht ungünstigen Friedensschluss, so endete der zweite Kappelerkrieg (11. Oktober bis 20. November 1531) mit der Niederlage der Reformierten und dem Schlachtentod Zwinglis.

Heinrich Bullinger wurde mit seiner Familie und dem Vater aus Bremgarten vertrieben und kam als Flüchtling nach Zürich. Nach dem Friedensschluss donnerte Bullinger am 28. November im Grossmünster eine Predigt von der Kanzel, dass viele den gefallenen Zwingli zurückgekehrt wähnten. Die Rufe von Bern, Basel und Appenzell ausschlagend, wartete Bullinger, bis ihm am 9. Dezember der Rat, den Zwingli-Gefährten Leo Jud bewusst übergehend, die Übernahme der Nachfolge Zwinglis antrug.

Bullinger handelte sich Bedenkzeit aus und bestand auf der klaren Trennung von Politik und Predigtamt. Wohl sollten sich die Pfarrer der Einmischung in das weltliche Regiment enthalten, wie dies der Rat forderte, doch durfte die Verkündigung in keiner Weise eingeschränkt werden.

Bullinger bedang sich ausdrücklich das Recht aus, die Obrigkeit wie jedes andere Gemeindeglied im Rahmen des «Prophetenamtes» ermahnen und kritisieren zu dürfen. Damit legte er das Fundament für ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen Landeskirche und Regierung. Zürich wurde mit Bullinger weder ein fundamentalistischer Gottesstaat, wie das Genf Calvins, noch sank die Kirche zu einer völlig instrumentalisierten Staatskirche ab, wie die Anglikanische Kirche in England.

Sichern und einigen

Sogleich sicherte Bullinger die junge Zürcher Kirche in ihren Institutionen. Eine neue Synodalordnung gab 1532 der Pfarrerschaft einen festen Rahmen. Das Ansehen der Zürcher Theologenschule hob er durch die Berufung von Lehrern mit Ausstrahlung. Die ständige Überarbeitung des Bibeltextes in der Prophezei wurde kompetent fortgesetzt, und schon 1544 kam, 13 Jahre nach Zwinglis Erstausgabe, eine vollständig überarbeitete Ausgabe der Zürcher Bibel in den Druck. Zwingli hatte aus militärischen Gründen den Zusammenschluss mit Luther gesucht. Bekanntlich scheiterte die Marburger Disputation 1529 an der Abendmahlfrage. Die Zwinglianer, Calvinisten und weitere süddeutsche Städte lehnten auch ausdrücklich das Augsburger Bekenntnis der Reformierten im Reich von 1530 ab.

Im Hinblick auf ein grosses Konzil aber sollten wenigstens die Reformierten aus der Eidgenossenschaft geschlossen auftreten. Bullinger wirkte 1536 an der Ausarbeitung des ersten helvetischen Bekenntnisses in Basel federführend mit. Auch mit Calvin, der in dieser Sache dreimal zu Bullinger nach Zürich reiste, konnte 1549 im so genannten «consensus tigurinus» eine gemeinsame Position in der Abendmahlfrage gefunden werden.
Ab- und Ausgrenzen

Da war das grosse Konzil, das Luther schon 1518 vergeblich gefordert hatte, schon im Gange. Papst Paul III. (1534-49) hatte es nach langen Diskussionen um Beschickung und Tagungsort 1545 eröffnet. Bullinger verhinderte gegen starken miteidgenössischen Druck die Teilnahme der reformierten Schweizer Städte. Die Katholische Kirche überprüfte in Trient Dogmenschatz und ihr Verhältnis zur Tradition und verbesserte Missstände in Überwachung und Ausbildung der Priesterschaft. Bulllinger beobachtete von Zürich aus aufmerksam die Entwicklungen.

Durch ein Netz von Korrespondenten und ein gastfreundliches Haus war er mit Menschen in ganz Europa im Austausch und war wohl der «bestinformierte Eidgenosse seiner Zeit» (Emidio Campi). Wie sich Katholische und Reformierte Kirche wechselseitig abgrenzten und abschlossen, so hatte sich auch die Reformierte Kirche mit fundamentalistischen Abweichlern auseinander zu setzen.

Zwingli hatte nie die Obrigkeit in Frage gestellt und noch bis 1525 an der lateinischen Messe festgehalten. So musste sich die Landeskirche von den ungeduldigen Täufern abgrenzen, welche schon 1523 die Messe aufgeben (Gefährdung des friedlichen Reformationsprozesses) wollten, die Kindertaufe (keine Kontrolle der Bevölkerung durch Taufregister) und die Übernahme von Verantwortung und Ausübung von Gewalt im weltlichen Regiment ablehnten (auch Militärdienstverweigerung) und sich ausserhalb der Territorialgemeinden zu Konventikeln zusammenfanden (keine öffentliche Kontrolle der Gemeinschaften). Sieben Täufer wurden in Zürich ertränkt.

Heinrich Bullinger konstruierte das Feindbild «Täufertum», indem er in einer Verschwörungstheorie jegliches Täufertum mit dem gewaltbereiten sozialrevolutionären Reformator Thomas Müntzer in Verbindung brachte, der sich auf die Seite der aufständischen Bauern im Reich geschlagen hatte und 1525 enthauptet worden war. In einer ersten gedruckten Schrift gleich zu Amtsantritt und im umfassenden Werk 1560 «Ursprung, Entwicklung, Sekten und Wesen der Wiedertäufer», das er an 101 hoch gestellte Persönlichkeiten in ganz Europa zur Warnung zusandte, schuf er ein Feindbild, das noch Jahrhunderte nachwirken sollte.
Prüfung und Vermächtnis

Die grosse Arbeitslast konnte der Vater von elf Kindern nur dank der treuen Mithilfe seiner Frau Anna Adlischwyler bewältigen. Ein harter Schlag war daher ihr Tod durch die Pest am 25. September 1564. Das Konzil von Trient war auch beendet, Bullinger wähnte sich nun in der Endzeit. Während einer Pesterkrankung formulierte er für sich 1566 das Glaubensbekenntnis, das als «zweites Helvetisches Bekenntnis» eine grosse Ausstrahlung in der reformierten Welt erleben sollte: vom Wilden Westen bis Siebenbürgen und Ostungarn dient es noch heute reformierten Gemeinden als Glaubensgrundlage.

Er schrieb, sein Lebenswerk verteidigend, die Reformationsgeschichte (1567) und versuchte noch einmal, die Geschichte der Eidgenossenschaft in einer Gesamtschau zu überblicken (1568). Doch die konfessionelle Spaltung verunmöglichte es ihm, die Geschichte der Eidgenossen als Geschichte eines im Bund mit Gott voranschreitenden Volkes darzustellen. Und so beschränkte er sich in den letzten Lebensjahren, die Geschichte der Zürcher (Tigurinerchronik), als Vorgeschichte der Reformationsgeschichte, niederzuschreiben. Am 14. Dezember 1574 übergab der Siebzigjährige die Reinschrift der Tigurinerchronik und eine Abschrift der Reformationsgeschichte den Pflegern des Grossmünsters. Neun Monate später, am 17. September 1575, verstarb der «Vater der Reformierten Kirche» in Zürich.

Späte Anerkennung

Bis zum Ende des Dreissigjährigen Krieges (1648) waren die stark praxisbezogenen Schriften Bullingers und die eher dogmatischen Calvins ähnlich stark verbreitet. Der 1613 zum Pfarrer am Grossmünster und Antistes der Zürcher Kirche gewählte Johann Jakob Breitinger (er setzte das Theaterverbot in Zürich durch) nannte ausdrücklich Heinrich Bullinger und nicht Zwingli sein Vorbild. Doch über die Reformationsjubiläen 1619, 1719 und 1819 wurde immer mehr Huldrych Zwingli zum «Held» der Zürcher Reformation. Die Editionstätigkeit im 19. Jahrhundert im Rahmen des «Corpus Reformatorum» endlich fokussierte sich auf Luther, Calvin und Zwingli und blendete Bullinger aus. Die Tigurinerchronik aber wurde vom Historiker Johannes von Müller, der am Ende des 18. Jahrhunderts die Schweizer- geschichte neu erzählte, neben der Chronik des Aegidius Tschudi hoch geschätzt und zur Edition empfohlen.

Erst im Rahmen der geistigen Landesverteidigung erinnerte man sich des prinzipienfesten und besonnenen Zürcher Kirchenführers wieder. An der Landi 1939 überragte das Porträt des wortgewaltigen Publizisten an der Ehrenwand im Pressepavillon alle «Schweizer Journalisten aus sechs Jahrhunderten».

Gymnasiasten brachten 1940 sein «Lucretia»-Drama wieder zur Aufführung, und in Zürich wurde 1941 jenes Denkmal am Grossmünster eingeweiht, das ihn als Beschützer der Glaubensflüchtlinge in Zürich ehrt. Mit der Gründung des Instituts für Reformationsgeschichte 1965 hat eine systematische Editionstätigkeit seines Werkes eingesetzt. 1975 wurden an einem Kongress zum 400. Todesjahr erste Forschungsergebnisse zusammengetragen. 2004 hat der Regierungsrat 300 000 Franken gesprochen, um eine wissenschaftliche Edition der Tigurinerchronik zu erarbeiten, und im Rahmen des Bullinger-Kongresses werden im August Forscher aus der ganzen Welt sich in Zürich austauschen.

Publizistische Tätigkeit von Bullinger
zo. Anlässlich von Heinrich Bullingers 500. Geburtstag finden diesen Sommer in den Kantonen Zürich und Aargau vielfältige Aktivitäten statt. Die Zentralbibliothek Zürich (ZB) erinnert mit einer Ausstellung im Katalogsaal an die publizistische Tätigkeit von Huldrych Zwinglis Nachfolger (bis 28. August).

Die Ausstellung zeigt, wie Bullinger das gedruckte Wort einsetzte, um seine Zeit mitzugestalten. Er nutzte das Medium des Druckes, um Zwinglis Ansehen und die Zürcher Reformation zu verteidigen. Bei aller Polemik war er ein Mann der Versöhnung und erreichte wenigstens eine Einigung unter den Reformierten Kirchen, wie der Consensus Tigurinus von 1549 und das Zweite Helvetische Bekenntnis von 1566 bezeugen. Dagegen fand er keine Gnade gegenüber den Täufern und anderen religiösen Abweichlern. Sein scharfes Urteil und das harte Vorgehen gegen sie sollten die Zürcher Kirche vom Vorwurf der Ketzerei freisprechen.

Bestinformiert über die Zeit

Durch seinen umfangreichen Briefverkehr gehörte Bullinger zu den best-informierten Männern der Zeit. Er verfolgte nicht nur den Fortgang der Reformation in Frankreich, England und in den Ländern des Ostens, sondern nahm auch am Schicksal unterdrückter Protestanten regen Anteil und bot seine Hand zur Hilfe. Ohne Bullinger hätte es in Zürich die englischen Flüchtlinge oder das Asyl für die reformierte Gemeinde aus Locarno nicht gegeben. Die Ausstellung beachtet auch Bullingers Kommentare zu biblischen Büchern und seine Lehrpredigten, die unzählige Theologen in vielen Ländern beeinflusst und so die reformierte Tradition geprägt haben. Neben der Theologie beschäftigte sich der Zürcher Antistes intensiv mit der Geschichte. Auch die Gesellschaftspolitik liess ihn zur Feder greifen: So verfasste er ein Drama, das den Solddienst an den Pranger stellte.

Von Bullingers Taufhemd bis zu seinen theologischen Hauptwerken zeigt die Ausstellung Objekte aus den Beständen der ZB, die einen guten Teil des gedruckten und ungedruckten Nachlasses des Reformators besitzt.

Quelle: Zürcher Oberländer, 14.07.2004

Mittwoch, 22. Juli 2009

USA und Eidgenossenschaft: "sister republics"


Die Fotomontage zeigt die Aussenministerinnen der Schweiz (Michelline Calmy-Rey) und der USA (Hillary Clinton), der beiden "sister Republics" anlässlich eines Treffens in Genf im Zusammenhang mit den Verhandlungen um die Beilegung des Bankenstreits. Im Hintergrund sieht man die grosse Karikatur des Nebelspalters zur Vertragsunterzeichnung des Staatsvertrags von 1891, der kriegerische Handlungen zwischen der Schweiz und den USA ausschloss. Damals wurde dies wohl zu Recht als grosses Vorbild für die europäischen Staaten gefeiert, welche bekannterweise von solchen Verträgen damals nichts wissen wollten. Schön zeigt die Montage aber, den Weg, den die Frauen beider Nationen zurückgelegt haben: von blossen Allegorien zu Ministerinnen aus Fleisch und Blut.

1991, zur 700-Jahrfeier des Bundes, erinnerte sich ein amerikanischer Bibliothekar an die Sonderbeziehung zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und den Vereinigten Staaten von Amerika und stellte ein Ausstellung zum Thema zusammen, die dann auch in der Schweiz gezeigt wurde.

Die innigen Beziehungen zwischen den calvinistischen USA und der Schweiz begannen im Vorfeld der Unabhängigkeitserklärung der USA 1776, als George Washington als "Wilhelm Tell" Amerikas gefeiert wurde, sie setzten sich fort in der Ausarbeitung der amerikanischen Bundesverfassung nach dem Studium derjenigen der Alten Eidgenossenschaft als Muster und in der Übernahme der Prinzipien der amerikanischen Verfassung in die Bundesverfassung der Eidgenossenschaft von 1848 und erreichten einen neuen Höhepunkt in der Schlichtung der Alabama-Frage zwischen den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich in den 1870er Jahre in Genf. Gekrönt wurde diese Sonderbeziehung durch die Wahl der Stadt Genf als Sitz für den von Wodrow Wilson gewünschten "Völkerbund" 1919.
2009 brachte der brillante Schweizer Chef-Unterhändler Botschafter Ambühl in der Lösung des Bankenstreits das Konzept der "sister republics" auf die griffige Formel, man sei doch, "different in size, but same values." Womit die Schweiz im Bankenstreit den Kopf aus der Schlinge ziehen konnte.