Dienstag, 17. Mai 2011

Bettagsmandat, das (swissness: Girardets kleines Lexikon der Schweiz)





Vorbemerkung: Der untenstehende Text hat nach seiner (redaktionell gekürzten) Publikation in der "Basler Zeitung" im September 2005 und seiner Freischaltung in der ungekürzten Version auf meiner Domain www.uerte.ch einen grossen Erfolg im Netz gehabt. Im Frühjahr 2007 verlinkte eine wohl freikirchliche Gruppierung den Text prominent. Er wurde zum "google"-Nummer 1 hit für "Bettagsmandat". Nachdem er auf www.uerte.ch nicht mehr greifbar war, hat ihn Beat Weber, der Pfarrer von Linden, für den Bettag 2010 auf der Homepage seiner Kirche als pdf greifbar gemacht. Herzlichen Dank! Nun soll er hier, in der Willensnation, wieder prominent auffindbar sein!

"Ist er nun autofrei, der eidgenössische Bettag?", fragte mich Helvetia plötzlich am Dienstag. Morgen begehen wir zum 173. Mal den 1832 von der eidgenössischen Tagsatzung auf den 3. Septembersonntag gelegten eidgenössische Dank-, Buss-, und Bettag. Es ist der älteste nationale Feiertag unseres 157jährigen Bundesstaates und gleichzeitig ein ökumenischer "Hoher kirchlicher Feiertag" Ostern, Karfreitag, Pfingsten und Weihnachten gleichgestellt. Eine merkwürdige Verschränkung von Staat und Kirche erinnert uns an diesem Tag an Moses, der sein Volk vom Tanz um das goldene Kalb zur Annahme der zehn Gebote führte. Diese Umkehr des gottvergessenen Volkes, hin zu den Gesetzen Gottes ist das Grundmotiv des Bettages.
In der charismatischen Person Moses sind politische und priesterliche Macht noch nicht geschieden. Erst die Tat Moses, die erste Herstellung "Heiliger Schrift", der zehn Gebote, erlaubt uns Juden, Christen und Muslims zwischen weltlicher Herrschaft und geistlichem Heil zu unterscheiden. Seither sind Priesteramt und Herrscheramt geschieden. Der Staat sorgt an diesem Tag für grösstmögliche Ruhe, damit die bestellten Prediger und Priester aller Konfessionen die Gläubigen zu individueller Ein- und Umkehr begleiten. (2. Mose 31, 18)

Wann trat dieses Bedürfnis nach Umkehr im staatlichen Verband der Eidgenossenschaft auf? Wer schlüpfte jeweils in die Rolle Moses? Das erste schriftlich Überlieferte "Grosse Gebet der Eidgenossen" fällt ins Jahr 1517. Eine grosse Teuerung lastete auf der Eidgenossenschaft, die zwei Jahre zuvor in Marignano das "Grounding" ihrer Grossmachtpolitik erlebte. Im selben FettJahr schlug Luther seine Thesen an, die zur Reformation (>Abendmahlstreit) führten. Über Jahrhunderte dankten, büssten und beteten nun Katholiken und Reformierte an getrennten Tagen in frohem Wettstreit um das Heil der Eidgenossenschaft.

Erst als der Würgegriff der Französischen Revolution sich um die Herrschaft der "Gnädigen Herren" der Alten Eidgenossenschaft legte, beantragte Bern (>Bernergeist) auf der Tagsatzung von 1796, am 8. September, erstmals das Heil in einer gesamteidgenössische Festfeier zu suchen. Die Franzosen kamen trotzdem. Es waren dann die von den Franzosen befreiten Untertanen des Kantons Aargau, die, nachdem sie sich eine radikal-liberale Verfassung gegeben hatten, am 1. August 1832 der Tagsatzung beantragten, den jeweils 3. Septembersonntag als eidgenössischen Bettag zu begehen. So ist der heutige Bettag ein Zugeständnis des siegreichen radikalen Liberalismus an unverzichtbare Besinnung auf die biblische Tradition.

Seither werden in den Kantonen von Regierungen, Kirchenräten und Bischöfen Bettagsmandate und Hirtenbriefe formuliert. Den Neoliberalen, welche um das goldene Kalb der "unsichtbaren Hand des Marktes" tanzen, ist der Bettag als Mutter aller gesetzlichen Ruhetage ein Dorn im Auge. In Deutschland wurde zugunsten eines zusätzlichen Arbeitstages der an einem Novembermittwoch stattfindende Busstag denn auch abgeschafft. Auf den Bettag 2003 hat darum Georg Kohler, Zürcher Ordinarius für politische Philosophie, als säkularer Ausleger des hegelschen Weltgeistes in der NZZ erklärt, weshalb der Bettag und die dem rationalen "homo öconomicus" archaisch anmutenden Begriffe "danken", "büssen" und "beten" durchaus eine Berechtigung hätten und ein solcher Tag helfe "gut in der Welt zu sein und es eine Zeit lang zu bleiben".

Der Bettag als "Wohlfühl-Accessoire" für säkulare Gutmenschen? Den Kerngedanken des Zürcher Professors finden wir im Bettagsmandat 2004 der Liestaler Regierung wieder. So haben sich im Zuge des Säkularisationsprozesses, der von vielen Zeitgenossen als unabwendbarer und unumkehrbarer eigengesetzlicher historischer Prozess betrachtet wird (ähnlich der kommunistischen Weltrevolution, der Ankunft der Geschlechtergleichheit oder der Globalisierung), sich die weltlichen Obrigkeiten des geistlichen Predigtamtes im Bettagsmandat bemächtigt. Seit dem Jahr 2000 verschliesst die Zürcher Regierung nicht mehr Theater, Museen und Kinos an hohen kirchlichen Feiertagen (auch am Bettag nicht), seit dem Jahr 2000 formuliert die Basler Regierung ihre Bettagsmandate nicht mehr im Wechsel mit den Landeskirchen.

Doch die Stifter des Bettages hatten weder in Philosophie dilettierende Regierungsräte, noch marktschreierische Prediger mit Event-Marketing- Ausbildung im Auge, sondern eine in verschiedenen Konfessionen auf den Allmächtigen der Verfassung bezogene nationale Wertegemeinschaft, die sich einmal im Jahr dem mosaischen Psychodrama der Umkehr stellt, zu dem auch der Prophet Joel im Alten Testament sein von Heuschrecken geplagtes Volk aufruft: "Doch auch jetzt noch spricht der Herr, kehret um zu mir von ganzem Herzen, mit Fasten, Weinen und Klagen; zerreisset eure Herzen und nicht eure Kleider." (Joel, 2, 12-13) Das Solothurner Stimmvolk hat mit 70% eine vom Parlament gegen den Willen der Regierung beschlossene Schwächung des Bettags an den Urnen wuchtig verworfen und damit bewiesen, dass der Geist des Bettags allem Kleinmut der Kirchen und Feuilletton-Geschwätz zum trotz im Volk noch mächtig verwurzelt ist. "Aber autofrei ist er wohl trotzdem nicht", meinte Helvetia resigniert und versank in ehernes Schweigen.

Giorgio V. Girardet

Montag, 16. Mai 2011

Bullingers Dekaden (1549ff.): das Hausbuch der Reformierten

Ein weiterer Band der kritischen Werkausgabe des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger ist herausgekommen. Bullingers „Dekaden“, sein theologisches „Hausbuch“, wurden im 16. Jahrhundert zu einem eigentlichen Bestseller.

Giorgio Girardet

Die lateinisch abgefassten „Dekaden“, das theologische Hauptwerk des Zürcher Reformators, ist eine Predigtsammlung, in welcher Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger (1504 – 1575) die Lehre der reformierten Kirche nach dem Schriftprinzip („sola scriptura“) darlegt. Sie wurden zu einem Bestseller in der reformierten Welt und prägten nicht nur die Frömmigkeit der Reformierten in der Eidgenossenschaft, sondern auch der Anglikaner, Holländer, Hugenotten und Reformieren im Reich, in Polen und Ungarn.
Die Notwendigkeit eines katechetischen „Hausbuches“ ergab sich Zwinglis Nachfolger aus den schwierigen Zeitumständen. 1545 trat in Trient endlich das Konzil zusammen, das die katholische Kirche „reformieren“ sollte. In der ersten Sitzungsperiode bis 1547 wurden verschiedene reformatorische Errungenschaften von der katholischen Kirche verurteilt. Ausserdem starb 1546 der deutsche Reformator Martin Luther, und der katholische Kaiser Karl V. errang am 24. April 1547 einen entscheidenden Sieg über die Protestanten im Reich. 1548 trat das „Augsburger Interim“ in Kraft, was bedeutete, dass den protestantischen Reichsstädten Priesterehe und Laienkelch (beim Abendmahl) gewährt wurde, bis das Konzil von Trient etwas für die Christenheit Gültiges bestimmt haben würde. Am 13. Oktober musste das durch ein „christliches Burgrecht“ mit Zürich verbundene Konstanz auf sich allein gestellt ­– aus Rücksicht zu den katholischen Miteidgenossen unterliessen die reformierten Städte eine Hilfestellung – vor den kaiserlichen Truppen kapitulieren und wurde rekatholisiert.

Grundsätze des Christentums

In dieser aufgewühlten Zeit beschloss Bullinger, über die Grundsätze des Christentums, so wie er es nach der Reformation Zwinglis und in Auseinandersetzung mit dem Genfer Reformator Calvin verstand, Lehrpredigten zu verfassen. Die ersten zehn Predigten (Dekade) widmete der Grossmünsterpfarrer und Antistes (Vorsteher der Landeskirche) Bullinger 1549 seinen Amtskollegen auf der Zürcher Landschaft. Aber schon die dritte Dekade ist dem damals dreizehnjährigen englischen König Eduard VI. gewidmet, der angeleitet durch den Erzbischof von Canterbury 1549 mit dem „Common Prayer Book“ ein lutherisch-calvinistisches Mischbekenntnis in der anglikanischen Kirche Englands einführte.

Dem Humanismus verpflichtet

Bullinger ist in seiner Lehrtätigkeit in den Dekaden ganz dem Humanismus verpflichtet, dessen Losung „ad fontes“ (zu den Quellen!) er darin umsetzt, dass er auch vor seine Lehrpredigten die wichtigsten Konzilsbeschlüsse des Urchristentums setzt. Denn mit ihm weiss er sich einig, bevor die Irrungen des Papsttums einsetzten. Bei der Darlegung seiner Lehrinhalte zitiert er auch die antiken Schriftsteller. In der ersten Dekade geht er auf die Grundbegriffe des Christentums ein: Wort Gottes, Glaube, Liebe. Die 7., 8. Und 9. Predigt ist der Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses gewidmet. In der zweiten und dritten Dekade geht er auf die Zehn Gebote ein, in der vierten und fünften vertieft er die Auslegung des Apostolikums um die Begriffe Gott, Christus, Geist (Dreieinigkeit) und „Kirche und Sakramente“. Für den des lateinischen unkundigen Leser sei auf die 2006 erschienene Ausgabe in modernem Deutsch verwiesen. Sie ermöglicht eine unverstellte Wiederbegegnung mit der Lehre der damaligen Landeskirche, wie sie im Augenblick der Gefahr von Zwinglis Nachfolger in Worte gefasst wurde.
Leicht modifizierte Fassung des Artikels im „Zürcher Oberländer" vom 9. Mai 2008.
Gesamtkatalog des Theologischen Verlags Zürich

Dienstag, 10. Mai 2011

Prophet der Krise im Diesseits

Jean Tinguely, der Philosoph Jacob Burckhardt, 1988

Giorgio Girardet

Jacob Burckhardt gilt als Übervater der Kulturgeschichte. Kurt Meyer hat ihm jetzt ein erstaunlich knappes, aber umfassendes Buch gewidmet.

Jacob Burckhardt ziert die höchste Banknote der Eidgenossenschaft, Jean Tinguely hat dem «Philosophen Burckhardt» ein Denkmal gewidmet, die Biografie von Werner Kägi zählt sieben Bände, die kritische Werkausgabe ist auf deren 29 angelegt. Kurt Meyer ist es gelungen, auf nur 286 Seiten den Gulliver der deutschen Kulturgeschichtsschreibung erzählend zu bändigen und uns Lilliputanern fassbar zu machen.
Die Tiefe und Eindringlichkeit des Denkens Burckhardts erklärt Meyer aus den Amputationen, die der 1818 als viertes Kind in den exponiertesten Haushalt des Basler Daigs hineingeborene Jacob erfahren hat. Sein Vater ist als Antistes der Basler Kirche die höchste geistliche Autorität der restaurierten eidgenössischen Stadtrepublik. Früh verliert er seine Mutter, 1833 verliert die Vaterstadt ihr Hinterland.

Frauenverzicht. Burckhardt nimmt 1837 das Studium der Theologie auf, verliert aber 1839 den Glauben, sodass er mit väterlichem Segen zur Geschichte wechselt. In Bonn und Berlin hat er in Ranke, Grimm und Droysen grosse Lehrer. Unglück in der Liebe lässt ihn von einer Familiengründung absehen. Mancher Mann ist ein Genie geworden durch das Mädchen – das er nicht bekam, sagt Sören Kierkegaard.
In den Jahren 1844/45 berichtet er als Journalist über die Innerschweizer Unruhen und Freischarenzüge, an denen der junge Gottfried Keller begeistert teilnahm und die den reifen Jeremias Gotthelf mit Ekel erfüllten. Burckhardt teilt Letzteren: «Ihr im Reich draussen habt die Agitation immer nur erst in abstracto, ich aber habe ihr in das wüste versoffene Auge gesehen», schreibt er nach Deutschland.

Deutschrömer. Er ist ein Konservativer. Labt sich an den Kunstwerken Italiens, das ihm zum «Supplement» seines Wesens wird, füllt Skizzenbücher. Flieht vor «Brüllradikalismus» und den «Vorboten des sozialen jüngsten Tages» in die Sphären der ewigen Kunst. Während des Sonderbundskrieges 1847 weilt er in Rom, nimmt Mass für sein Werk. Der Deutschrömer aus Basel will Klassiker werden.

Mit seinem Erstling löst er sich 1852 vom «historischen Pantheismus» seiner Epoche, dem Historismus, in dem er das «falsche objektive Geltenlassen von allem und jedem» sieht. Er ist Erzähler, der die Phänomene sichtet, psychologisch auslotet, auswählt, hierarchisiert und dann in eine wetterfeste, metaphernreiche, eigenwillige Sprache packt.

Kunstführer. Im «Constantin» schildert er die Wirren, aus welchen das Christentum – das ihm abhanden gekommen – als Staatsreligion hervorging. «Lesen Sie das Buch ‹Die Zeit Constantins des Grossen› von Burckhardt, da bleibt Ihnen die Spucke weg, was das vierte Jahrhundert für eine Zeit war» (Ernst Bloch).
In «Der Cicerone: eine Anleitung zum Genusse der Kunstwerke Italiens» (1855) ordnet er 10 000 Kunstwerke der Halbinsel kunstgeschichtlich ein. Von der Antike bis zum Barock soll die Kunst als organisches Ganzes gefasst werden. Burckhardt folgt den drei Gattungen Architektur, Skulptur und Malerei chronologisch. Erst durch das Ortsregister erschliesst sich dieses Taschenmuseum Italiens dem reisenden Kunstfreund. In «Die Kultur der Renaissance in Italien» gibt er eine lange unübertroffene Schau der Zeit von Dantes «Göttlicher Komödie» bis zur manieristischen Kunst des 16. Jahrhunderts – sein Meisterwerk.

Krisenprophet. In Basel lehrt er ab 1858 Kunstgeschichte. Hier wird er bis 1882 alle zwei Jahre seine gefeierte Vorlesung über das Revolutionszeitalter (1763 bis Waterloo) halten. Der erklärte Gegner des Bruchs von 1789 äussert 1881 die Ahnung, «die Zustände Europens möchten einst über Nacht in eine Art Schnellfäule überschlagen, mit plötzlicher Todesschwäche der jetzigen scheinbar erhaltenden Kräfte».

Professoren-Kollege Friedrich Nietzsche meint, er könne als Einziger den 1868/69 angesichts der nationalen Gärung in Deutschland und Italien von Burckhardt in seiner Vorlesung «Über das Studium der Geschichte» skizzierten Gedanken folgen. Während der spätere Rhapsode Zarathustras 1874 seine «unzeitgemässen Betrachtungen» beginnt, wird 1905 die Vorlesung Burckhardts – als «Weltgeschichtliche Betrachtungen» von Jacob Oeri aus dem Nachlass ediert – zum Trostbuch jener, die im Schützengraben des Ersten und in den Bombenächten des Zweiten Weltkriegs am Nihilismus Nietzsches verzweifeln.

Wertpapier. Wir stecken in der Krisis. Aber: Glücklich das Publikum, dem ein so kluges, brillantes, anschauliches Büchlein geschenkt wird, um sich auf gesicherten Pfaden in das abgründige Dickicht des Denkens Burckhardts zu begeben. Kurt Meyer, der als Lehrer am Humanistischen Gymnasium und Beiträger unter anderem dieser Zeitung diente, hat ein Bijou abgeliefert, hat Leben, Werk und Wirkung Burckhardts meisterhaft wiedergegeben.
Seine Prosa fasst kongenial die verschwenderisch eingestreuten Burckhardtschen Formeln und Sentenzen. Trefflich ist die Auswahl oft bisher ungedruckter Bilder, zweckmässig das Literaturverzeichnis. Ein grober Klotz, wer diese wohlfeile Notration «Burckhardt vom Feinsten» nicht als Wertschrift für die Enkel von des Meisters Hand signieren lässt.


erschien zuerst in der "Basler Zeitung" 2009, Frühjahr. Abonnement hier.

Sonntag, 8. Mai 2011

Vernunft und Religion: Bullingers Kategorien

Heinrich Bullinger, Lateinlehrer im Kloster Kappel, der 27jährig an die Spitze der Zürcher Landeskirche berufen wurde.


In der grossen Schar der nun allenorten herumlärmenden „Freidenker“ und „Humanisten“ besteht eine grosse Wut auf die institutionalisierte Kirche und die akademische Theologie. Kaum eine Figur ist geeigneter das Verhältnis von „Vernunft und Religion“ im reformierten Humanismus besser zu klären als der Schweizer Reformator Heinrich Bullinger, der von 1531 bis zu seinem Tode 1575, 44 Jahre das Oberhaupt der Zwingli-Kirche, der heutigen reformierten Zürcher Landeskirche, war (unsere hier noch nicht publizierte Kurzvita). In seiner Studienanleitung „Studiorum Ratio“ (Hg. Von Peter Stotz. Heinrich Bullinger Werke: Studiorum Ratio – Studienanleitung. 1. Teilband: Text und Übersetzung. Zürich, 1987) gibt Heinrich Bullinger einen kategorialen Raster für den Studenten, an den er sich halten soll, um sich die Welt intellektuell anzueignen. Dieses kategoriale Raster belegt eindrücklich, wie die reformierte humanistische Theologie den Naturwissenschaften die "pole position" im Weltzugang einräumte (Physiko-Theologie). Hier die acht „ordnenden Gesichtspunkte“ nach denen der Student sich seinem Stoff zuwenden und wie er ihn gliedern soll:


1. Die stoffliche Welt
2. Die Zeit
3. Der Mensch
4. GOTT
und seine Verehrung

5. Die Obrigkeit
6. Künste, Wissenschaften und Fertigkeiten
7. Tugenden und Laster
8. Einige
Bezeichnungen allgemeiner Dinge


Bevor "Gott" ins Spiel kommt, hat sich der Student mit der Trias „Materie – Zeit- Mensch“ zu beschäftigen. Aber der Gotteserkenntnis nachgelagert sind Politik (5), Kultur und Wissenschaft (6), die Sittlichkeit (7) und die Philosophie (8).
Interessant ist nun, wie der Theologe Bullinger den Punkt 4 „GOTT“ in Unterkategorien ordnet.

Gottheit
Es gibt einen Gott/ es gibt keinen Gott; Vorsehung; Schicksal; Zufall; Vielzahl von Göttern; Verehrung der Götter; Spiele; Festtage; Kultfeiern zu Ehren der Götter; Gelübde und Weihegabe; Zehnten; Bittfeiern; Verehrung der Götter eingehalten/vernachlässigt; Bestrafung ihrer Verachtung; Tempel oder Heiligtümer; Bilder; Priester; Opferschauer; Orakel und ihre Sprüche; Vorzeichen; Wunder und Wunderzeichen; Träume; Prophezeiungen; Weissagung.

Auch hier scheint mir bemerkenswert, wie die Aufzählung mit den Schlüsselbegriffen der „Kontingenzbewältigung“ (vgl. Hermann Lübbe: Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung, 1998, in: Gerhart von Graevenitz, Odo Marquard (Hg.): Kontingenz, München, S. 35-47): Vorsehung, Schicksal, Zufall einsetzt. Der Kategorienreihe vorgeschaltet ist die Frage nach der Existenz Gottes. Was dann nach dem Punkt „Vielzahl von Göttern; Verehrung der Götter“ folgt, ist ein Kategorienraster, wie es auch moderne Religionswissenschaft und Ethnologie durchaus aufstellen könnte. Auffällig ist, wie die sehr „irrationalen“ Ausformungen der Religion: Opferschau ff. bis Weissagung, an das Ende der Kategorienliste geschoben werden. In Bullingers Kategorienlisten für Studenten ist das pragmatische „Vernunftdenken“ der Aufklärung schon präfiguriert. Die Kategorien Materie / Zeit stehen am Anfang seines Weltzuganges, gefolgt vom Menschen, das Wort „Gott“ wird als "Kontingenzformel" der religiösen Sinnfindung an den Anfang der politischen, wissenschaftlichen, moralischen und philosophischen Fragen gestellt.

Aus dem "Carolinum" wurde dann 1833 die moderne Universität Zürich nach humboldtschen Vorbild, die derzeit auch nach "Bologna" funktioniert.

Dienstag, 19. April 2011

Fahrtpredigt 2011 von Bf. Vitus Huonder


Die Predigt, die im Wechsel von einem katholischen und einem reformierten Geistlichen an der Näfelser Fahrt gehalten wird, hielt dieses Jahr der Churer Bischof Vitus Huonder. Zweierlei Dinge sind daran bemerkenswert. Der Churer Bischof ist im Lande Glarus eigentlich ein "Auswärtiger" (was bei katholischen Predigten im 19. Jahrhundert schon oft Stoff für Auseinandersetzung bot). Zum anderen steht Huonder wegen seiner sehr konservativen Personalentscheidungen stark in der Kritik. Die Situation zwischen den demokratischen Strukturen der staatsrechtlich verfassten Landeskirchen in den Kantonen des Bistums Churs und der von Rom gestützten Bistumsleitung ist wieder einmal sehr angespannt. Interessant, ist darum, wie Huonder in einer Predigt, die einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird (Abdruck im "Fridolin") auf diese Situation reagiert. Oder eben nicht reagiert.

Sehr geehrter Herr Landammann, meine lieben Glarnerinnen und Glarner, liebe Gäste,

heute liest die Kirche ein Wort aus dem Evangelium nach Johannes. Wir hören es im anschließenden Gottesdienst. Darin sagt Herr: “Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt” (Joh 5,44). Jesus befindet sich im Gespräch mit dem Volk, welches ihn und seine Sendung anficht. Die Menschen wollen sich auf ihn, den Gesandten des himmlischen Vaters, nicht einlassen. Sie bezeichnen ihn sogar als einen Menschen, der von einem Dämon besessen ist. Eine solche Haltung führt dazu, dass die Menschen das Ziel ihrer Existenz, den Sinn ihres Seins, nicht erreichen. Sie kommen, wie Jesus es sagt, nicht zum Glauben. Sie erreichen nicht die befreiende und erfüllende Macht des Glaubens. Deshalb spricht Jesus die besorgten Worte aus: “Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt.”

Wir können den Glauben und seine befreiende Macht nur dann finden - eben zum Glauben kommen - wenn wir uns auf das einlassen, was von Gott kommt, das heißt, was von jenem kommt, den Gott uns gesandt hat, Jesus Christus. Wir können zu diesem befreienden Glauben nur dann finden, wenn wir uns nicht selber genügen; wenn wir uns nicht einigeln.

Die uns Menschen eigene Selbstgenügsamkeit bringt Jesus zum Ausdruck mit den Worten: “Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt.” Wir tauschen nur unter uns Freundlichkeiten aus - vielleicht nicht immer - und lassen uns von unseren eigenen Sorgen, Wünschen, Vorstellungen leiten. Wir brechen nicht aus unseren engen Grenzen aus in jenen Bereich hinein, in welchem wir Gott und seine Wahrheit entdecken und in uns aufnehmen können. Wir empfangen, wie Jesus es sagt, nur voneinander die Ehre; nur menschliche Ehre.

Um diese Selbstgenügsamkeit zu verlassen und in die Weite Gottes zu gelangen, müssen wir durch Christus unsere Grenzen durchbrechen und uns um die Ehre Gottes bemühen. Wenn wir fähig werden, Gott die Ehre zu geben und von Gott das anzunehmen, was uns ehrt und uns zum Heil gereicht, kommen wir aus dem Teufelskreis der Selbstbespiegelung heraus und brechen auf in neue Weiten.

Ich meine, das Ereignis hier zu Näfels, welches wir heute feiern, wurde von unseren Vorfahren als ein Ereignis betrachtet, das auf die Hilfe Gottes zurückzuführen ist. Unsere Vorfahren haben es als ein Ereignis der göttlichen Rettung aus großer Not wahrgenommen und uns weitergereicht. Denn jeder Krieg mit den bekannten Begleiterscheinungen von Plünderung, Vergewaltigung und Mord ist immer ein Ereignis von Not und Leid, ob das heute der Fall ist, oder früher der Fall war. Die Folgen für die Menschen sind immer dieselben: die verbrannte Erde.

Das Näfelser Schlachtlied führt uns deutlich auf die Spur des Glaubens mit einer Bitte und mit einem Dank. Das Schlachtlied ist in diesem Sinn ein Beispiel dafür, dass die Glarner ihre Ehre nicht voneinander empfangen haben, sondern jene Ehre suchten, die von dem einen Gott kommt, zum einen mit der Bitte: “Ach richer Christ von himmel und Maria, reine magd, wellend ir uns helfen, so sind wir unverzagt”; auf der anderen Seite mit dem Dank: “Des dankend wir alle Gotte und sant Fridli, dem helgen man, und diese manliche thate han die fromen Glarner than.” Ich wünsche und bete, dass wir auch in unserer Zeit die Ehre suchen, die von dem einen Gott kommt, und dass jede und jeder von uns dadurch jene Lebensfülle findet, die nur von der Ehre Gottes ausgehen kann.

Montag, 18. April 2011

Näfelser Lied

In einer fronfasten do huob sich Glarner not;
si wanden z'Wesen fründe han: si gabends' in den tod.

Der disz mord gestiftet hat, es muosz im werden leid;
er hat nit recht gefahren, wann er ist meineid.

In österlichen ziten uf einen samstag
da huob sich ein groszer strit, dasz menger tot gelag.

Ze Glaris in dem lande warend vierthalb hundert man,
die sahen fünfzehen tusend ir rechten fienden an.

Do ruofte also bhende der von Glaris houptman,
er ruofte unsern herren Christ vom himel an:

"Ach richer Christ von himel und Maria, reine magd!
wellen ir uns helfen, so sind wir unverzagt,

Dasz wir den strit gewinnend hie uf diesem feld:
wellend ir uns helfen, so bstan wir alle welt.

O helger herr sant Fridli, du trüwer landsman,
si disz land din eigen, so hilfs uns mit eren bhan!"

Die herren brachend in die letz, si zugend in das land,
do es die Glarner sahend, si wichend in ein gand.

Do disz die herren sahend, dasz wichend d'Glarner man,
si schruwend al mit luter stimm "nun grifends' fröhlich an!"

Die Glarner kartend sich umbe, si tatend widerschnall,
si wurfend mit hämpflichen steinen, dasz in dem berg erhall.

Di herren begundend fallen und bitten umb ir leben,
mit golde und mit silber woltend si sich widerwegen.

"Hettist du silber und goldes vil gröszer dann ein hus,
es mag dich nit gehelfen; din leben das ist us.

Din vil guoter harnist und al din isengwand
das muostu hüt hie laszen in sant Fridlis land."

Des dankend wir alle gote und sant Fridli, dem helgen man; dise manliche tat hand die fromen Glarner tan.

(aus: Werner Burkhard: Schriftwerke deutscher Sprache: Ein literaturgeschichtliches Lesebuch. Erster Band: von den Anfängen bis ins Barockzeitalter. Verlag H. R. Sauerländer & Co. Aarau, 1941 (dritte Auflage, 1951), S. 234f.)

Dienstag, 22. März 2011

uerte.ch: Inbegriff der swissness

Durch Wartungsarbeiten am Server ist meine HP http://www.uerte.ch/ derzeit nicht erreichbar. Dieser Post hat nur den Zweck, auf der ersten Seite der Google-Suchergebnisse für "uerte" zu erscheinen und das im Netz vorhandene Wissen zu strukturieren. "Uerte" ist für die Kreuzworträtsler ein schweizerisches Wort für "Gastmahl". Bei Wikipedia wurde eine Schaltung eingerichtet, die differenziert, und die spezifische Verwendung innerhalb des Zürcher Zunftwesens reflektiert. Bei Zeno findet sich ein altes Wörterbuch 1869.

Hier der Eintrag im Schweizerischen Idiotikon mit den fünf Bedeutungen des Wortes in der Schweiz:


1. Anteil, Beitrag besonders für gemeinsames Essen und Trinken


2. Rechnung, besonders vom Wirt für die Zeche


3. Trinkgesellschaft


4. Hochzeitsgeschenk


5. Civilgemeinde Korporation (insbes. im Stand Nidwalden) wo Allmenden, Liegenschaften und vor allem Waldungen genossenschaftlich verwaltet werden.


Uerten sind die Korporationsgemeinden des eidgenössischen Halbkantons Nidwalden:

Hier die politischen Gemeinden Nidwaldens. Stans, Stansstad, Dallenwil, Ennetbürgen, Hergiswil, Ennetmoos, Wolfenschiessen, Oberdorf (NW), Buochs, Beckenried, Emmetten, Reportage über die Herbstversammlung von anno 2007 der Uertengemeinde Dallenwil Die letzte noch stattfindende Landsgemeinde in der Schweiz, jene des Landes Glarus habe ich 2009 als "Uerte der Talschaft" beschrieben. Zum Thema: Vortrag "Orte und Uerten: zur Konstitution des sozialen Raumes in der Alten Eidgenossenschaft" vor der symbolforschenden Gesellschaft der Schweiz Herbst 1995.